Daily News & Podcasts

Das Timing für diesen Eintrag könnte kaum besser sein. Vermutlich wird jede/r gerade in der einen oder anderen Form durch Nachrichten entstandene negative Emotionen empfinden.

Wie könnte es auch anders sein. Wortwörtlich jede einzelne Nachrichtenseite hat gerade etwaige Live-Posts, in denen sie jede noch so kleine Entwicklung in der Corona-Krise minutengenau festhalten.
Zeit Online macht das, wie immer visuell ansprechend, ganz toll angereichert mit Infografiken, Graphen, interaktiven Karten, allerhand steigenden Zahlen und allem, was jemand braucht, der informiert sein möchte.

Und sollte man nicht auch informiert sein? Wir befinden uns in einer der größten Krisen der Menschheit! Wen lässt das bitte kalt?

Mich nicht. Seit die Krise anfing, haben mich Nachrichtenseiten, die ich vorher eigentlich nur ein Mal am Morgen öffnete, wieder in ihren Bann gezogen. Mindestens jede halbe Stunde öffnete ich Zeit Online und den Tagesspiegel um mir die aktuellen Entwicklungen und Zahlen anzuschauen. Bis vorgestern, als ich mich an meine Ziele erinnerte und in mich ging um herauszufinden, wie es mir geht. Gestresst. Besorgt. Ängstlich. Beunruhigt.

Als ich darüber nachdachte, welche tatsächlich nötigen Erkenntnisse ich aus den letzten fünf Tagen intensiven Nachrichtenkonsums gezogen habe, fiel mir nicht viel ein. Seit zwei Wochen befand ich mich in sozialer Isolation1, ich weiß, welche Symptome auf eine Ansteckung hinweisen, dass Hamsterkäufe Quatsch sind und die Lage vermutlich noch eine Weile so bleibt. Zu wissen, wo genau wie viele Leute erkrankt, verstorben und genesen sind, ist völlig unnötig.

Das ist übertragbar auf jedes andere aktuell die Nachrichtenlage bestimmende Thema. Wie lange haben wir täglich Updates zu Brexit bekommen? Was für ein Drama! Jeden Tag ein neuer Deal, oder kein Deal, eine Ansage, dass ein Gespräch passieren wird, in dem es um einen potentiellen Deal gehen könnte! Und am Ende? Irgendwie passiert Brexit, aber wir wissen alle noch immer nicht, wie genau, was das heißt und wieso es dazu kam. Ich kann nicht so richtig die Menge an sorgenvollen Gedanken rechtfertigen, die ich diesem Thema mehrmals am Tag, über Jahre hinweg, entgegen brachte.

Ich kann diesen mentalen Ballast nicht gebrauchen. Zumindest nicht in dem Detailgrad, den Nachrichtenseiten gerade präsentieren.

Dass Nachrichtenseiten sich mehr schlecht als recht durch Werbung finanzieren und jeder Klick überlebensnotwendig ist, eröffnet mögliche Vergleiche. Social Networks haben die gleichen Sorgen. Nur wer genug Aufmerksamkeit gibt erzeugt ausreichend viel Gewinn.
Diese Tatsache ist notwendig um zu verstehen, dass auch Nachrichtenseiten ihre „Nutzer“ manipulieren um möglichst oft zurückzukehren und möglichst viel Zeit auf der Seite zu verbringen. Es ist kein Zufall, dass ein Live-Artikel einen roten, blinkenden Kreis anzeigt. Das ist bewusste Gestaltung. Eine Antwort auf die Frage, wie man dafür sorgen kann, dass ein Artikel eine besondere Brisanz ausstrahlt. Das Gefühl etwas zu verpassen, wenn man sich nicht regelmäßig informiert.

Nachrichtenseiten sind Timelines und damit Timelines frisch und anschauenswert wirken, muss am oberen Ende bei möglichst jedem Besuch etwas neues aufmerksamkeitsheischendes stehen.

Wenn jede Aussage von jedem Politiker zu jedem semiwichtigen Thema eine gefühlt notwendige Information darstellt, hat man für immer Schlagzeilen. Politiker A hat Meinung X. Politiker B antwortet auf Politiker A. Zwei Tage später hat Politiker A allerdings Meinung Y.

Für mich kann der Detailgrad meiner Nachrichten erheblich geringer sein. Die Entwicklung ist nicht so relevant wie das Ergebnis. Zuerst dachte ich, dass ich statt täglicher Nachrichten eine Wochenzeitung abonnieren und lesen sollte und abonnierte die ZEIT. Nach einigen Wochen fiel mir allerdings auf, dass die Wochenzeitung nicht liefert, was ich hoffte (eine Zusammenfassung der Geschehnisse ohne tagesaktuell sein zu müssen), sondern eher eine Art Sammlung von Meinungen von Journalisten zu aktuellen Themen ist. Ich suche nicht Meinungen, sondern Informationen. Will niemanden, der mir erklärt, was ich zu denken habe, sondern will wissen was passiert ist.

Ich habe nicht damit gerechnet, aber was sich letztendlich bewehrt hat ist die Tagesschau. Beim Frühstück skippe ich mich durch die Sendung vom Vorabend. Eine flotte Zusammenfassung aller relevanten Ereignisse.
Wenn um 11:00 Uhr etwas passierte, das kurz relevant wirkte, aber um 15:00 Uhr schon wieder überholt ist, ist es um 20:00 Uhr kein Teil der Sendung.2

Das ist alles nicht leicht. Mir fällt es gerade wirklich sehr schwer nicht ständig Nachrichtenseiten aufzurufen. Theoretisch könnte ich mir einreden, dass ich sie nur ein Mal morgens und ein Mal abends besuche um kurz zu checken was passiert ist, aber ich mache mir nichts vor. Nachrichtenseiten sind dafür gebaut jemanden wie mich in regelmäßige Nutzung zu manipulieren und ich bin offensichtlich nicht stark genug um diesem Drang zu widerstehen.

Ich fühle mich besser. Seit drei Tagen verzichte ich absolut darauf die Seiten zu öffnen und ich fühle mich ruhiger und weniger als hätte ich die Verantwortung eine Sache zu kontrollieren, auf die ich sowieso keinen Einfluss habe. 15 Minuten Tagesschau und ich bin informiert. Das lässt mir den Rest des Tages um mentale Kapazität für andere Dinge zu haben. Niemand kann sich alle 30 Minuten um eine globale Pandemie sorgen und gleichzeitig konzentriert sein. Die Sorge führt zu keinen produktiven Ergebnissen, die Konzentration auf andere Themen aber vielleicht schon.

Podcasts wirken, im Kontrast zu Nachrichten und der aktuellen Lage, wie ein irrelevantes Thema, aber im Kontext meiner Selbstoptimierung habe ich sie Anfang Februar auch ganz aufgegeben. Wie geschildert gab es kaum eine Minute meines Tages, in der nicht irgendein Podcast-Host seine Meinungen in meine Ohren säuselte.

Aktuell nutze ich Podcasts als Belohnung. Beim Sport höre ich welche, weil ich mich (in Pre-Pandemie-Zeiten) 3-4 Mal die Woche ins Fitnessstudio schleppe und jede Sekunde hasse. Manchmal höre ich auch welche beim Putzen des Badezimmers.

Diese Beitragsserie ist damit fast abgeschlossen. Meine Transformation zu einer Person, die ihr Leben nicht durch irgendwelche digitalen Services auf negative Weise beeinflussen lässt scheint Fuß gefasst zu haben. Im nächsten Teil geht es darum, wie ich künftig mein (digitales) Leben verbringen möchte.

Alle Einträge zur Reihe Digitaler Minimalismus

Teil 1: Digitaler Minimalismus
Teil 2: Erwartung vs. Realität
Teil 3: A Day In The Life Of An Idiot
Teil 4: Der 3-Phasen-Plan
Teil 5: Twitter, Instagram & Reddit
Teil 6: Daily News & Podcasts
Teil 7: Mein Digitalplan für die Zukunft

  1. Als wäre das nicht sowieso mein Normalzustand.↩︎
  2. Was ich lernen musste: Tagesschau und Tagesthemen sind unterschiedliche Konzepte. Tagesschau fasst relativ stumpf Fakten zusammen und präsentiert sie. Tagesthemen haben irrelevante Interviews mit Meinungen von irgendwelchen Leuten.↩︎
Hallo, ich bin Marcel, zeichne selten Comics, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und interessiere mich für Bücher, Digitalen Minimalismus, Philosophie, Kunst und Videospiele. 👋

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