Digitaler Minimalismus

Seit 2007 verstehe ich mich als jemanden, der gerne Digital Native genannt wird. Ich hatte einen relativ erfolgreichen Blog, ich war einer der ersten auf Flickr, Twitter, Facebook, Instagram, Foursquare, Vine, Path und wortwörtlich jeder anderen nennenswerten Erscheinung des ursprünglichen Web 2.0.

Über die Jahre hinweg, auch dadurch bestärkt, dass Social Media im Allgemeinen und Twitter im Speziellen mir damals viele Freundschaften bereitet hat, war “Viel hilft viel” mein Ansatz mit diesen Services umzugehen. Wenn ich besser informiert und klüger sein möchte, muss ich mehr konsumieren. Wenn ich besser befreundet sein möchte, muss ich mehr folgen. Das funktionierte damals auch ganz gut. Social Media hat mir mehr von der Welt eröffnet und ich wurde zu jemandem mit mehr Informationen zu diverseren Themen.

Das funktionierte bis 2014, was immerhin 7 Jahre sind. Zurückblickend muss ich mir selbst eingestehen dass ab diesem Zeitpunkt die theoretischen Vorteile zwar nicht nachgelassen haben. Im Gegenteil. Theoretisch habe ich mehr Informationen als jemals zuvor. Theoretisch kann ich mit viel mehr Leuten Freundschaften anfangen, als jemals gedacht. Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Was hat sich in der Zwischenzeit verändert? Jeder Journalist der Welt brauchte jetzt einen Twitter-Account. Jeder Politiker zog nach. Jede Nachrichtenseite wollte plötzlich, dass möglichst jeder Artikel viral geht. Die Geschwindigkeit wurde stark angezogen. Breaking News links und rechts. Das hat auch verändert, wie normale Menschen diese Plattformen nutzten. Es war nicht mehr der kleine, semi-öffentliche Chatraum für Leute, die sich über Interessen unterhielten. Leute fingen an sich zu Marken zu machen, sich selbst ein Podest zu bauen, das möglichst höher als das der jeweils anderen ist. Mich eingeschlossen.

Das passierter auf eine perfide Art schleichend. Klar, man hat gemerkt, dass sich etwas verändert hat, aber ist das neue nicht vielleicht sogar besser? Ja, oder? Viel hilft viel. Wenn sich etwas schlecht anfühlt, kann das höchstens daran liegen, dass ich nicht genug verbunden bin und nicht genug konsumiere. Erst mal neue AirPods kaufen, damit ich besser Podcasts hören kann!

Anfang Februar 2020 löschte ich alle verbleibenden Social Media Apps (Twitter, Instagram, Reddit) von all meinen Geräten und blockte die entsprechenden Webseiten in meinen Browsern. Dazu unterband ich auch den Zugriff auf alle Daily News Seiten, kaufte mir einen klassischen Wecker um digitale Geräte im Schlafzimmer zu verbannen, entschied eine Stunde früher aufzustehen, 52 Bücher in 2020 zu lesen, handschriftlich ein Journal zu führen, eine Wochenzeitung zu abonnieren und bewusster zu leben.

Jetzt ist Ende Februar und ich habe vor einen mehrteiligen Erfahrungsbericht hier zu teilen. Weil es mich beschäftigt, weil diesen Blog führen zu Schritt 3 meines 3-Phasen Plans gehört1 und weil ich denke, dass es Leuten helfen könnte. Wenn das interessant genug klingt um daran beteiligt sein zu wollen, dann empfehle ich, ganz entschleunigt, den RSS-Feed zu abonnieren. Alternativ werden diese Artikel wohl auch automatisch zu Twitter gepostet, allerdings habe ich bewusst jeden Link zu jedem meiner Social Media Profile von diesem Blog getilgt und werde dort auch keine Reaktionen sehen können. Der Grund dafür liegt auf der Hand.

Alle Einträge zur Reihe Digitaler Minimalismus

Teil 1: Digitaler Minimalismus
Teil 2: Erwartung vs. Realität
Teil 3: A Day In The Life Of An Idiot
Teil 4: Der 3-Phasen-Plan
Teil 5: Twitter, Instagram & Reddit
Teil 6: Daily News & Podcasts
Teil 7: Mein Digitalplan für die Zukunft

  1. mehr dazu später↩︎
Hallo, ich bin Marcel, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und lebe mit meinen Katzen Gigabyte und Millimeter in Berlin. 👋