Marcel ist online. Gelesen um 13:42 Uhr.

In meiner Position als professioneller Early Adopter bin ich ja immer ganz vorne mit dabei. In eben dieser Position stehe ich auch den meisten Interaktionstrends initial positiv gegenüber. Manchmal kommt dabei heraus, dass eine ursprünglich als positiv empfundene Neuerung tatsächlich eigentlich eine Tech-Geißel der Menschheit ist.

Das hier ist meine offizielle Abrechnung mit Online-Status und Gelesen-Indikatoren: Sie bringen ausschließlich Leid und haben, außer für die Plattformen, die sie einbauten, keinen Vorteil für die Menschen, die unter ihnen leiden. Außer man hat sehr viel Freude an Stress, Zweifel und sozialem Druck, dann sind sie fantastisch.

Zu sehen, ob jemand “online” ist, bedeutet in einer Zeit, in der jeder ein Gerät in der Tasche hat, das 24/7 mit dem Internet verbunden ist, nichts. “Online” bedeutet auch nur noch, dass sich jemand gerade, in dieser Sekunde, in der entsprechenden App befindet, die dieses Feature eingebaut hat. In einer Welt, in der jede App einen mit Notifications zu wortwörtlich jeder noch so nichtigen Aktion beschallt, gibt es keine Abwesenheit, kein nicht empfangen, kein offline. Wir erwarten, dass Nachrichten auf Instagram, WhatsApp und jeder anderen App dieser Art, als Benachrichtigung beim Empfänger landen, unabhängig davon, ob die Person sich gerade in der App befindet. Wir wissen auch, dass sie nicht erst “online” kommen muss, damit sie die Nachricht liest.

Davon macht auch jeder Gebrauch. Eine Nachricht in einer Notification lesen, aber diese nicht antappen, damit sie nicht innerhalb der entsprechenden App als “gelesen” markiert wird, ist ein Verhalten, das viele täglich an den Tag legen. Wir gaslighten uns selbst und andere damit. Wir manipulieren unsere Kommunikation, ganz bewusst, aber auch ganz unnötig. Dass etwas als gelesen markiert wird, impliziert, dass eine Antwort angebracht ist, erzeugt einen mentalen Task, unabhängig davon, ob man gerade Zeit hat, oder nicht. Zu sehen, dass eine Nachricht gelesen wurde, führt zur Erwartungshaltung einer zeitnahen Antwort, weil die Person ja offenbar bereits im Chat war, warum also nicht flugs eine Antwort tippen? Warum dauert das so lange? Die Nachricht wurde doch schon vor sechs Minuten gelesen. Oh, ich sehe, doch, dass du online bist. Warum schreibst du mir nicht zurück. Was habe ich bloß getan. Wieso hasst mich jeder.

Niemand gewinnt. Außer die Plattformbetreiber, natürlich. Interaktionsdruck führt zu häufigerer Nutzung, führt zu besseren Zahlen, führt zu mehr Geld. Es ist so durchschaubar, dass es eigentlich fast lustig ist. Wir werden in das möglichst schnelle und produktive Beantworten von Nachrichten geshamed, damit jemand in einem Meeting auf eine nach oben zeigende Kurve zeigen kann. Bisschen pervers, wenn man mich fragt.

Ich mache mir nicht vor, dass wir dieses Kind aus dem Brunnen holen können. Der Zug ist gelutscht und der Drops abgefahren. Es ist vermutlich sogar unmöglich Leute davon zu überzeugen, dass sie diese Features deaktivieren, weil sie dadurch an gefühlt wichtigen Informationen verlieren. Man möchte ja dann doch gerne wissen, ob der Gesprächspartner vielleicht was besseres zu tun hat, als einem selbst zu antworten. Haben ist besser als brauchen. Aber, wie man vielleicht bisher rauslesen konnte, bin ich anderer Meinung. In diesem Fall ist “haben” destruktiv und zwischenmenschliche Beziehungen belastend.

Nichts an Online und Gelesen Indikatoren ist nicht toxisch. Die vermeintlichen Vorteile sind keine, die Nachteile sind auf der Hand liegend, weil wir sie alle täglich empfinden. Stress, Zweifel, Ungeduld. Wir wurden manipuliert die Vorteile asynchroner, textbasierter Kommunikation aufzugeben. Statt uns über nette Nachrichten und gute Gespräche in der Geschwindigkeit, die das Leben der einzelnen Personen gerade hergibt, zu freuen, zerbrechen wir uns den Kopf über grüne Kreise und blaue Haken.

Muss jetzt aber auch aufhören zu schreiben und die Liste der Leute durchscrollen, die meine letzte Instagram Story angeschaut haben.