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Berlin ist weiterhin nicht meine Lieblingsstadt, aber mit der allgemeinen Freigabe von AstraZeneca hat sie ausnahmsweise etwas gemacht, das in mir Wohlwollen weckte.

Bekam gestern um 16 Uhr meine erste Ladung. Hatte heute Nacht leichten Schüttelfrost und gerade ein bisschen Kopfschmerzen und Schwindel, aber alles nicht der Rede wert. Ende Juni bekomme ich die zweite Spritze und zwei Wochen danach erkläre ich das offizielle Ende meiner persönlichen Pandemie.

Fühlt sich aktuell noch sehr unwirklich an. Ich ging seit Dezember 2020 stoisch entspannt davon aus, dass sich die Pandemie für mich noch bis 2022 hinziehen wird. Jung, gesund, wenig Gründe das Haus zu verlassen hat mich nicht unbedingt an die Spitze der Priorisierung befördert. Jetzt ging alles plötzlich so schnell und es macht mich sehr glücklich.

11 Tage

Als ich vor 11 Tagen meinen stählernen Körper waschend in der Dusche stand, dachte ich darüber nach, dass ich gerne besser über den Impffortschritt informiert wäre. Dann fragte ich mich direkt, warum ich das eigentlich wollen würde. Dann, warum ich denke, dass ich überhaupt jeden Tag über die aktuellen Nachrichten informiert sein sollte.

Bringt mir gerade nichts, dachte ich beim Abtrocknen und habe seitdem keine Nachrichten mehr gelesen, gehört, oder angeschaut. Alle tatsächlich relevante Informationen wurden durch Gespräche mit Freunden an mich herangetragen. Ich bin weniger, aber nicht schlechter informiert. Was will ich mehr. Ich liebe es.

Seit einem Jahr passieren täglich tausende Sachen, die mich wütend machen. Jeden Tag 2-3 dumme Aussagen von irgendwem. Jeden Tag das unverantwortliche Verhalten vom Großteil der Gesellschaft. Jeden Tag Zahlen, die steigen, sinken, oder gleichbleibend sind. Dazu der ständige Vergleich mit anderen Menschen, Städten, Ländern, Kontinenten.

Man könnte mich dafür kritisieren, dass man nicht die Augen vor der Welt und all ihren Abgründen verschließen darf. Mache ich aber. Vermutlich wird die Welt darauf verzichten können, dass ich weiß, was welche Kanzlerkandidat:innen gesagt haben. Vielleicht ist es okay, wenn die Impfungen langsam mehr werden, während ich nicht täglich über die genauen Zahlen informiert bin. Mein Pandemie-Verhalten ist seit März 2020 das gleiche, weil absehbar war, wie kluges Verhalten aussehen wird. Wenn Wahlen sind, wähle ich Parteien nicht nach dem aktuellen Wahlprogramm, oder Politikern und dem, was sie gerade sagen, sondern übergreifenden politischen Strömungen. Das war schon immer besser als reaktionäre Entscheidungen zu treffen.

Ich optimiere mein Leben für möglichst viel Glück. Wenn mich etwas täglich wütend macht, klingt es wie eine Sache, die kritisch betrachtet gehört. Gerade hilft mir das völlige Ausblenden der Außenwelt dabei, auch die Zielgerade der Pandemie mit guter Laune zu durchleben. Wenn ich mir anschaue, wie es anderen täglich geht, mache ich, in meiner gemütlichen Blase ohne Social Media und Nachrichten, etwas richtig.

Originals – Adam M. Grant

Irgendwas an der Infrastruktur meines Buch-Nachschubs holperte und ich stand plötzlich ohne Lesestoff da. In einem Anflug von Verzweiflung, griff ich zu meinem alten Kindle Voyage und fand dieses ungelesene Buch darauf. Warum nicht mal lesen, dachte ich mir.

Hätte ich mir sparen können. Lose aneinandergereihte Anekdoten von erfolgreichen Leuten, die in irgendeiner Form etwas gemacht haben, das „original“ war. Jedes Kapitel fängt mit einer totaaal inspirierenden Geschichte zu einer neuen Person an, die im Rest des Kapitels grob in das übergreifende Themenkonstrukt gepresst wird.

Habe mir ein paar Sachen notiert, die ich interessant fand, aber insgesamt war das nichts.

★★☆☆☆

Recommendation Anxiety

Es fehlt ein Wort für das Gefühl, wenn man ein von YouTube empfohlenes Video zwar sehen, aber nicht für die nächsten Wochen ausschließlich vergleichbare Videos vorgeschlagen bekommen möchte.

Furiously Typing

Alle Jubeljahre empfinde ich eine Emotion. Zur Feier des Tages erstelle ich daraufhin ein animiertes Emoji für Discord und füge es dann meinem Discord-Server hinzu, der nur dafür gedacht ist. Damit können andere, wenn sie auch mal eine Emotion empfinden, diese animierten Emojis in anderen Discord Servern einsetzen. Ein gratis Service aus dem UCU. (UARRR Cinematic Universe, it’s a thing.)

Alle vorherigen baute ich in Procreate auf meinem iPad. Funktioniert überraschend gut. Dieses habe ich in Blender gezeichnet und animiert. Funktioniert auch überraschend gut. Was kann diese Software eigentlich nicht?

In diesem Beitrag habe ich beschrieben, wie man dieses, und viele weitere, Emojis selbst in Discord-Servern der eigenen Wahl benutzen kann.

The Stone Sky – N.K. Nemisin

Über The Obelisk Gate den zweiten Teil der Trilogie schrieb ich:

Ansonsten: Eine gute Fortführung der Geschichte. The Obelisk Gate hatte zwar einige Längen und völlig vorhersehbare Twists, aber hat mir Lust auf Teil 3 gemacht. Ich hoffe sehr, dass die Geschichte zu einem unterhaltsamen Ende gebracht werden kann.

Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht und ich kann diese Buchreihe, die sowieso schon alle relevanten Preise abgeräumt hat, empfehlen.

Das merkwürdige Gefühl von „Ist das SciFi oder Fantasy“ wird in diesem Teil auf die Spitze getrieben und man bekommt genügend Antworten auf alle drängenden Fragen. Es gibt einige Szenen und Themen, die ich gekürzt hätte, aber nachdem ich las, dass die Autorin mit dieser Reihe den Verlust ihrer Mutter verarbeitet hat, ergaben diese auch Sinn.

★★★★★

Weltmacht auf sechs Beinen – Susanne Foitzik

Gut geschriebene Bücher über Themen, von denen ich gar keine Ahnung und an denen ich kein intrinsisches Interesse habe, sind mir die liebsten. Wenn jemand mit viel Wissen voller Begeisterung von etwas berichtet, das für mich eine ganz neue Welt eröffnet, bin ich direkt ganz Ohr und plötzlich sehr interessiert.

Ameisen! Faszinierend! Wer hätte das Gedacht. Klar, jeder kennt Koriander-Fakten wie „Ameisen können ein vielfaches ihres Gewichts tragen“, die erst total nischig und faszinierend klingen, aber letztendlich doch etwas sind, das jeder weiß.

Dieses Buch ist gefüllt mit anderen, übermäßig interessanten, Informationen über Ameisen und ist dabei auch noch kurzweilig geschrieben. Es gefiel mir sehr gut. Kein Das Evangelium der Aale, aber trotzdem toll.

★★★★★

Einfach Spritze

Weder habe ich Verwendung für dieses Bild, noch bin ich damit sonderlich zufrieden, aber es ist ein weiteres Blender-Ergebnis. Sieht zwar aus wie ein 50 Pfennig Stock-Image, aber die muss ja auch jemand machen.

Spritze mit Impfung

Dass diese Spritze und Impf-Ampulle jetzt für immer für mich zur Verfügung stehen und modular einsetzbar sind, begeistert mich irgendwie. In 2D erstellte Dinge sind zwar theoretisch ebenfalls flexibel für verschiedene Einsatzzwecke zu benutzen, aber die reine Menge an Möglichkeiten ist nicht vergleichbar. Würde ich jetzt unendlich Spritzen von der Decke regnen lassen wollen, könnte ich das problemlos tun. 3D! Ich sag’s euch!

A World Without Email – Cal Newport

Als Cal Newport Ultra habe ich sein neues Buch natürlich vorbestellt, als es angekündigt wurde. Dann entschied ich irgendwann, dass ich es nicht kaufen oder lesen möchte, weil ich eigentlich gar kein Problem mit E-Mail habe: Bekomme keine und wenn doch, beantworte ich sie meistens nicht, weil ich es wochenlang vergesse. Allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits vergessen, dass ich es vorbestellte und es erschien irgendwann in Form eines Pakets an meiner Wohnungstür1.

Es ist ein gutes Buch. Der Titel ist allerdings wieder mehr Marketing, als den eigentlichen Inhalt beschreibend. Newport beschreibt den „Hyperactive Hive Mind Workflow“, in dem jeder möglichst schnell alles kommuniziert und dementsprechend in Büros eine Dynamik eintritt, in der jeder gestresst, unkonzentriert und dauerkommunizierend ist. Das betrifft nicht nur E-Mail, sondern auch Slack und jede andere Form von „fire and forget“ Kommunikation. Geringer Aufwand in der Kommunikationsart führt zu geringer Hemmschwelle jemanden anzusprechen, führt zu mehr Unterbrechungen und schlechterer Arbeit, die länger dauert.

Es liegt auf der Hand, dass darunter viele Leute leiden. Ich allerdings meistens nicht, weswegen mein ursprünglicher Plan es nicht lesen zu wollen, der richtige gewesen wäre. Für alle, die in irgendeiner Form denken, dass sie unter dem Hyperactive Hive Mind Workflow leiden könnten, empfehle ich es allerdings stark. Newport macht, was er immer macht: Ein Argument so gut argumentiert und mit nötigen Hintergrundinformationen ausgestattet formulieren, dass man letztendlich eigentlich nur noch zustimmen kann.

Ein gutes Buch. Kein Buch für mich.

★★★☆☆

  1. Ich habe letztes Jahr knapp 1000 € im lokalen Buchladen meiner Wahl gelassen. Manchmal darf ich Bücher bestellen.↩︎

How to Avoid a Climate Disaster – Bill Gates

Meinen unterschwelligen, misanthropischen Tendenzen wurde nicht geholfen, als ich vor einigen Wochen sah, dass die Pandemie eigentlich kein Problem wäre, würden einfach alle Masken tragen und lüften. ZEIT Online hat irgendwo eine Seite, auf der man interaktiv und multimedial alle Vorzüge des Cyberspace nutzen konnte um zu sehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung in verschiedenen Szenarien ist. Das Ergebnis: Eigentlich reichen geöffnete Fenster und Masken, damit nichts passiert.

Das hat mich schockiert. Es ist schwer mich zu schockieren, wenn es um die Abgründe der Menschheit geht, aber seit ich das sah, denke ich jeden Tag mehrfach daran. Wir müssten nur lüften und Masken tragen. Schaffen Leute offenbar nicht. Jeder hat seine kleinen Ausreden für Ausnahmen und das Ergebnis ist eine weiterhin anhaltende Pandemie.

Weil ich schon seit einigen Jahren daran zweifle, dass die Menschheit das Klimawandel-Problem in den Griff bekommt, dachte ich mir, dass ein bisschen realistischer Optimismus helfen könnte. Das Buch von Gates sollte mir dabei helfen.

Es ist super. Voll mein Ding. Genau wie Hans Roslings Factfulness, betrachtet How to Avoid A Climate Disaster alles aus einer realistischen Sichtweise. Gates, natürlich Kapitalist, betreibt dabei keine Augenwischerei und macht klar, dass es insgesamt drei Pfeiler gibt, auf denen wir aufbauen müssen: 1. Niemand darf zurückgelassen werden. 2. Wir müssen „Zero Carbon“ bis 2050 erreichen und 3. Wir dürfen nicht erwarten, dass alle Systeme der Welt veränderbar sind, also bewegen wir uns in kapitalistischen Strukturen.

Das ergibt auch alles Sinn und er malt für jeden wichtigen Bereich Lösungen und Hoffnungen auf, erklärt für mich aber insgesamt nur sehr detailliert, wie unendlich schwierig das alles sein wird.

Sehr, sehr lesenswert. Hat meinen Optimismus allerdings weiter reduziert.

★★★★★