Der 3-Phasen-Plan

Jede größere Veränderung im Leben funktioniert nur, wenn man weiß, warum man sie über sich ergehen lässt. Man muss ein Ziel verfolgen, das den Aufwand der Umgewöhnung rechtfertigt. Als ich anfing darüber nachzudenken, wie ich mich selbst sehen möchte, kam ich mit der Zeit zu einer relativ klaren Kette von Abhängigkeiten, die ein gutes Bild meiner angestrebten Herangehensweise abbildet.

Phase 1: Seichte Inhalte durch tiefe Inhalte ersetzen

Ich möchte jemand sein, der Inhalte konsumiert, die Qualität und Substanz haben und mich weiterbringen.

Sich mit geöffnetem Mund 16 Stunden am Tag unter den Wasserfall aus al dente Meinungen reaktionärer Leute zum Thema der Stunde zu legen ist nicht auf dieses Ziel einzahlend. Während man das macht, fühlt es sich zwar an als wäre man umringt von einer schier unendlichen Fülle aus potentiell tiefgründigen Informationen, allerdings reicht theoretisches Potential nicht aus. Die jeweils aktuelle Online-Debatte zu verfolgen ist nicht die Form von informiert sein, die ich für mich anstrebe. Weder bei politischen Themen, noch bei Shitstorms um einzelne Personen des öffentlichen Lebens und auch nicht um Teil des öffentlichen Diskurses zu popkulturellen Produkten zu sein.1

Es geht also darum, diese Form der seichten Inhalte durch tiefere zu ersetzen. Das tat ich bisher in erster Linie durch Bücher. Wenn mich ein Thema interessiert suche ich mir die dafür besten Bücher und lese sie. Das war’s schon. Danach bin ich tatsächlich informiert und kann dazu noch ein weiteres Buch in mein Regal stellen.

Phase 2: Tiefe Inhalte in Ruhe verarbeiten

Ich möchte jemand sein, der sich die Zeit nimmt nachzudenken.

Um nicht zu den reaktionären Personen mit al dente Meinungen zu gehören, will ich mir die Zeit nehmen nachzudenken. Dazu braucht es Phasen, in denen ich keine neuen Inhalte aufnehme, sondern unterbewusst, aber auch ganz aktiv über das Gelernte nachdenke.

Dafür lese ich Bücher aus Papier, weil es mir hilft das gelesene zu behalten. Dafür unterstreiche ich interessante und “inspirierende” Textstellen. Am Ende gehe ich nach ein paar Tagen noch mal durch das Buch und schreibe diese auf Karteikarten. Das erzeugt einen so genannten Zettelkasten, oder auch ein Commonplace Book.

Dafür mache ich auch Spaziergänge, mit dem bloßen Ziel über etwas nachzudenken. Das kann man Productive Meditation nennen, wenn einem der Sinn danach steht, aber am Ende ist es ein Spaziergang mit dem Ziel seine Gedanken zu etwas zu ordnen.

Das fällt mir beides noch schwer. Es ist Arbeit. Arbeit, die wirklich niemand von mir verlangt. Arbeit, die ich leisten möchte, weil sie auf mein Ziel einzahlt. Diese Arbeit ist das Mittel um eine Person zu sein, die mehr tut als Headlines lesen und sich darauf basierend Meinungen zu bilden. Diese beiden Herangehensweisen sind natürlich nur meine. Man kann auf viele verschiedene Arten Inhalte er- und verarbeiten. Hauptsache ist, dass man es macht.

Phase 3: Konzentriert qualitative Arbeit leisten

Ich möchte jemand sein, der in der Lage ist konzentriert für längere Zeiteinheiten zu arbeiten und gelerntes in diese Arbeit einzubringen.

Phase 1 und 2 sind isoliert betrachtet schon ganz nett. Allerdings weiß ich von mir, dass mir wichtig ist etwas zu erzeugen. Möglichst etwas mit Mehrwert.

Cal Newport hat vor “Digital Minimalism” einen anderen Bestseller namens “Deep Work” geschrieben. Al Dente Leute hinterlassen für das Buch negative Rezensionen und sagen, dass sie keine 300 Seiten lesen müssen um sich sagen zu lassen, dass man sich halt hinsetzen und konzentriert arbeiten muss um konzentriert zu arbeiten. Das ist Quatsch.

Wenn man das Buch mit der Intention liest verstehen zu wollen, was Newports Punkt ist, erhält man ein theoretischen Grundgerüst, das einem die Augen öffnen wird, warum man Deep Work leisten möchte. Das Buch macht nicht die Arbeit für einen, es gibt einem die nötigen Hintergründe um fundamental zu verstehen, warum man an seiner Fähigkeit Deep Work zu leisten arbeiten wollen sollte.

Als jemand, dem es initial schwer fiel ein Buch länger als fünf Minuten ohne Unterbrechung zu lesen, zähle ich mich zu der Gruppe von Leuten, die Newport als Worst Case bezeichnet. Darauf bin ich nicht stolz, im Gegenteil. Im Buch wird ein Verhalten in einem Halbsatz erwähnt, das mir so peinlich ist, dass ich kurz rot wurde: Wenn ich arbeite und an ein Problem stoße das tatsächliche Denkarbeit erzeugen würde, wechsle ich zu irgendeiner Form von Ablenkung. Nachrichten, Twitter, Instagram, Slack, völlig egal. Nach 30 Sekunden wechsle ich dann zurück zur Arbeit, denke wieder für 2 Minuten ein bisschen nach um mich dann wieder abzulenken.

Das ist das Gegenteil von konzentriert qualitative Arbeit leisten. Das ist das Minimum der eigenen Fähigkeiten ausschöpfen und nie das tatsächliche Potential erreichen, zu dem man fähig wäre. Ich will sehen, wozu ich fähig sein kann.

Diesen Blog zu reaktivieren sehe ich als einen Teil von Phase 3. Die Themen, die ich in Phase 1 aufgenommen und in Phase 2 verarbeitet habe, fließen in diese Einträge ein. Das ist nicht das einzige, was ich als Ergebnis aus Phase 3 machen möchte, aber aktuell das sichtbarste.

Als nächstes geht es darum, was ich von verschiedenen Services erwartet habe, was ich tatsächlich bekam, inwiefern ich Aspekte von ihnen vermisse und ersetzt habe.

Alle Einträge zur Reihe Digitaler Minimalismus

Teil 1: Digitaler Minimalismus
Teil 2: Erwartung vs. Realität
Teil 3: A Day In The Life Of An Idiot
Teil 4: Der 3-Phasen-Plan
Teil 5: Twitter, Instagram & Reddit„>Twitter, Instagram & Reddit
Teil 6: Daily News & Podcasts
Teil 7: Mein Digitalplan für die Zukunft

  1. Das wird mir bei der nächsten Apple Keynote besonders schwer fallen. Ich freue mich normalerweise schon Monate vor den Keynotes darauf, diese mit schnippischen Tweets zu begleiten und die schnippischen Tweets anderer zu lesen.↩︎
Hallo, ich bin Marcel, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und lebe mit meinen Katzen Gigabyte und Millimeter in Berlin. 👋