Twitter, Instagram & Reddit

Teil 5 der Reihe „Digitaler Minimalismus

Auf zynische Art und Weise kann ich dankbar sein, dass während meines großen Selbstexperiments zwei unerwartete Krisen eintraten. In Thüringen gab es eine Landtagswahl, die zu viel Furore führte und auf dem Planeten Erde gibt es eine Pandemie, die alle in Aufregung versetzt.

Beide Themen verfolgte ich nicht auf Social Media. Die Panik anderer, ihre kurzlebigen Meinungen und spontanen Interpretationen der Lage beeinflussen mich nicht. Vor einigen Monaten hätte ich noch gedacht, dass ich damit zu einem uninformierten Menschen werde. Jemand, der die Wichtigkeit dieser Themen nicht versteht. Aber ich lag falsch.

Die Themen sind wichtig. Keine Frage. Thüringen warf spannende Fragen und Herausforderungen auf, die weiterhin ungelöst sind und in Zukunft nur noch komplizierter werden. Keine dieser Fragen wurde durch das große Tohuwabohu auf Twitter gelöst.

Twitter ist nichts als ein digitaler Raum voller Leute mit starken Meinungen. In diesen Raum werden temporär wichtige Themen geschoben, alle rufen ihre Meinung in der Hoffnung andere zu überzeugen oder zumindest intelligent oder witzig zu wirken. Dann kommt das nächste Thema und das vorherige ist vergessen.

Man kann sich einreden – und ich tat das lange – dass Twitter ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Diskurses und dieses Herausposaunen und ständige Konsumieren von Meinungen unglaublich wichtig für die Aufrechterhaltung unserer Demokratie ist. Wenn man das so sagt, klingt das auch richtig gut. Man opfert sich für das größere Wohl! Allerdings ist es schwierig diese Meinung zu haben, wenn man sich die Nutzerzahlen und Zielgruppen von Twitter anschaut. Leute auf Twitter sind der Edgecase. Edgecases die mit Edgecases diskutieren und keine Ergebnisse präsentieren können. Kann man machen, bringt nur nichts.

Mir bringt es allerdings tatsächlich so einiges nicht mehr Teil dieser Dynamik zu sein. Ich wurde den Drang los meine Meinung schnell öffentlich loswerden zu müssen. Das ist, besonders bei komplexen Themen die sich gerade erst entwickeln, besonders luxuriös, weil ich abwarten und mir eine solide Meinung bilden kann. Das gehört auch zu meinem 3-Phasen-Plan. Keinen reaktionären Blödsinn konsumieren oder produzieren.

Letztendlich muss man die Vor- und Nachteile abwägen. Für mich bleibt als einziger Vorteil von Twitter, dass es kurzweilige Zerstreuung ohne absehbares Ende bietet. Allerdings will ich keine kurzweilige Zerstreuung, sondern tiefe Inhalte mit Mehrwert. Ich will auch nicht darauf trainiert sein zu glauben, dass diese kurzweilige Zerstreuung irgendwie nötig ist, weil man ja auch mal entspannen muss. Dauerbeschallung durch Meinungen und Drama ist nicht entspannend.
Relevante Neuigkeiten kann ich durch andere Quellen (RSS, Wochenzeitungen) besser und in gesünderen Zeitabständen erfahren. Relevante Meinungen auch. Eine Meinung zu Themen zu haben und diese öffentlich zu teilen kann ich hier im Blog besser und ausführlicher befriedigen als auf irgendeiner ephemeren Plattform.

Vor Februar verbrachte ich sicher eine Stunde pro Tag auf Reddit. Jetzt rufe ich manchmal noch einzelne Subreddits manuell auf. Uneingeloggt. Im Browser. Der Unterschied ist, dass ich jetzt gezielt Informationen zu Themen suche, statt mich ziellos berieseln zu lassen. Habe gar nicht mehr zu Reddit zu sagen. Völlig überflüssig als tägliche Ressource und Unterhaltung.

Instagram loszuwerden wird einigen wohl am schwersten fallen.

Die erste wichtige Entscheidung für mich war, dass richtige Freundschaften wichtiger sind als irgendwelche online Bekanntschaften. Tiefe Verbindungen sind wichtiger als grob gefilterte und maximal positive Informationen aus dem Leben von Leuten, die man, wenn überhaupt, seit Jahren nicht in Person gesehen hat. Instagram gibt einem das Gefühl, dass jede dieser entfernten Bekanntschaften nur eine Nachricht von einer guten neuen Freundschaft entfernt ist. „Oh, schöner Sonnenuntergang!“ müsste man nur schreiben und schon entwickelt sich ein tolles Gespräch und drei Jahre später lädt man sich gegenseitig zur Hochzeit ein.
Wie oft passiert das tatsächlich? Besonders in Relation zur aufgebrachten Zeit auf diesen Plattformen? Genau. Eigentlich nie. Quelle: Ich. Jemand, der 200 Mal am Tag Instagram öffnete.

Ich habe die 3-4 Personen, mit denen ich vorher nur auf Instagram Kontakt hatte, den aber nicht verlieren will, jetzt mit aktuellen Handynummern in mein Adressbuch verlegt und schreibe ihnen richtige Nachrichten, wenn ich tatsächlich an ihnen interessiert bin, oder etwas aus meinem Leben teilen möchte.

Ich denke, dass es auf der Hand liegt, dass eine aufrichtige „Hey! Wie geht‘s dir? Ich bin an deinem Leben interessiert!“ Nachricht ein schöneres Miteinander ist als jahrelang voneinander irrelevante Stories zu gucken und manchmal mit einem Emoji zu reagieren. Ich glaube sogar, dass diese Verbindungen mit geringer Qualität dazu führen, dass man weniger richtige Gespräche führt, weil sie einem das Gefühl geben, dass man eine Verbindung hat.

Man muss bereit sein diese Bekanntschaften zu verlieren. Am Ende hat man weniger Informationen aus dem Leben anderer und fühlt sich weniger verbunden. Aber Mark Zuckerberg hat Unrecht. Verbundenheit entsteht nicht durch Quantität, sondern durch Qualität. Drei richtig tiefe Freundschaften sind mehr wert als 200 Bekanntschaften auf Instagram.

Alle Einträge zur Reihe Digitaler Minimalismus

Teil 1: Digitaler Minimalismus
Teil 2: Erwartung vs. Realität
Teil 3: A Day In The Life Of An Idiot
Teil 4: Der 3-Phasen-Plan
Teil 5: Twitter, Instagram & Reddit
Teil 6: Daily News & Podcasts
Teil 7: Mein Digitalplan für die Zukunft

Hallo, ich bin Marcel, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und lebe mit meinen Katzen Gigabyte und Millimeter in Berlin. 👋