Das Selbsterkenntnis-Triumvirat eines Programmierer-Praktikanten

Seit ungefähr anderthalb Monaten arbeite ich jeden Tag daran endlich Programmieren zu lernen. Mein halbes Leben lang sah ich mich als artsy-aber-schlecht-in-Mathe Person, die niemals in der Lage sein wird komplexen Code zu schreiben. In den letzten zwei Jahren kamen für mich allerdings einige Erkenntnisse zusammen, die das geändert haben.

  1. Ich bin eine analytische Person mit überdurchschnittlich viel Grit, die gut komplexe Probleme auf ihre Einzelteile runterbrechen, strukturieren und iterativ lösen kann.
  2. Durch Digital Minimalism und Deep Work habe ich erkannt, dass mich Dauerbeschallung daran hindert mich auf Aufgaben einzulassen, die mir zwar schwer fallen, mich aber als Person voran bringen würden.
  3. Deliberate Practice als Konzept zu verstehen und anzuerkennen, dass es sich dabei um die objektiv richtige und nötige Form des Lernens handelt, war für mich ein Durchbruch. Meine in Punkt 1 beschriebenen Fähigkeiten sind eine perfekte (theoretische) Grundlage für Deliberate Practice. Da schließt sich der Selbsterkenntnis-Kreis für mich.

In den letzten 10 Jahren sind bestimmt doppelt so viele meiner Programmieren-Lernen-Anläufe gescheitert. Immer mit dem gleichen Ergebnis: Die erneute wehleidige Feststellung, dass ich einfach nicht in der Lage dazu bin.

Zum Glück war das Unsinn. Natürlich kann ich das. Warum auch nicht, mir wird schon nicht das Programmier-Gen fehlen. Ich muss nur bereit sein die Herausforderungen zu strukturieren, ganz unten anzufangen und zu akzeptieren, dass es so lange dauert, wie es eben dauert. Dann muss ich nur noch dranbleiben und nicht aufgeben. Easy.


Dass das so einleuchtend und motivierend klingt ist natürlich eine Falle.

Wenn ich an etwas scheitere, wie zum Beispiel den Unterschied zwischen Structs und Classes zu verstehen und was genau ein Initializer in einer Class eigentlich macht und zu welchem Zeitpunkt und wieso überhaupt so und nicht anders, dann versuche ich mich vom Problem abzulenken und wechsle zu… ja, gibt nichts. Kein Social Media für Marcel, seit Februar. Also zurück zur Herausforderung.

Das geht so weit, dass ich vor meinem Computer sitze, an der Aufgabe arbeiten will, die ich mir selbst gestellt habe, für die es absolut keinen Druck von außen gibt und Angstschweiß entwickle. Angstschweiß! Ich sitze da, werde kurzatmig und fühle mich wie ein Versager. Das hatte ich das letzte Mal in Klausuren, für die ich hätte lernen sollen, hätte „Lernen“ nicht so wenig meinem „Mir fliegt das alles zu, guckt mal wie klug ich bin“ Selbstbild entsprochen. Damals konnte ich mit meiner Performance zumindest noch andere enttäuschen. Jetzt ergibt eine Reaktion dieser Intensität keinen Sinn mehr.

An der Stelle kommt dann ins Spiel, dass ich jetzt verstehe, was Deliberate Practice ist. Dieser Angstschweiß (und ich entschuldige mich für die mehrfache Erwähnung irgendwelcher Körpersäfte) ist nichts anderes als ein Zeichen dafür, dass ich vor einer Aufgabe stehe, deren Lösung mich weiterbringen wird. Eine Aufgabe, die aktuell von mir noch nicht genug runtergebrochen wurde, damit sie in mir keine panische Stressreaktion auslöst.

Ich weiß nicht, ob ich gut genug erkläre, was für eine Erleichterung diese Erkenntnis für mich ist. Plötzlich sind diese Stressmomente – die mich vorher zum Aufgeben brachten – Situationen in denen ich mich darüber freue wieder an eine Hürde gestoßen zu sein, die ich mit ein bisschen Aufwand überwinden kann. Danach habe ich eine neue Sache gelernt und bin klüger als vorher.


Das Ergebnis ist, dass ich zum ersten Mal richtige Fortschritte auf meinem Weg zu einem mittelmäßigen Programmierer-Praktikanten mache. Einige Konzepte verstehe ich jetzt mehr als jemals zuvor. Theoretisch könnte ich sogar schon kleine, relativ nutzlose Apps selbst schreiben. Klar, ich bin noch lange nicht da wo ich hin will, aber ich weiß zumindest, dass ich mir den Weg dahin selbst… pflastern kann, statt aufzugeben, wenn eine Kreuzung vor mir auftaucht. Tolle Metapher.

Wie auch immer. Vielleicht werde ich probieren einige Posts zu schreiben, die meinen Fortschritt dokumentieren. Ich glaube, dass es mir helfen könnte, wenn ich hier erwähne, dass ich gerade daran scheitere zu verstehen was @ObservableObject und @ObservedObject wirklich machen, um dann einige Tage später mit der Information um die Ecke zu kommen, dass ich es jetzt verstanden habe.

Hallo, ich bin Marcel, zeichne selten Comics, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und interessiere mich für Bücher, Digitalen Minimalismus, Philosophie, Kunst und Videospiele. 👋

4 Kommentare

  • Cool, dass das so gut für dich funktioniert. Freue mich über Beiträge, wie du beim Programmieren lernen vorgehst. Welche Ressourcen du nutzt und wie du aktiv lernst.

    Wie gehst du beim digitalen Minimalismus eigentlich mit Gaming, YouTube und Twitch um? Kein Thema für dich oder vermeidest du diese Dinge genau so wie Twitter und co?

    • Betreibe ich alles mehr oder weniger gezielt. Twitch fiel im letzten Jahr irgendwie raus, weil ich gemerkt habe, dass es wirklich nicht sehr interessant ist jemandem bei der Produktion des Rohcontents zuzuschauen, der später als Highlights eh auf YouTube landet.

      Bei YouTube schaue ich nur Dinge, die mich interessieren und dann halt irgendwie beim Abendessen, oder so. Habe keine ewig mäandernden YouTube Sessions. Aber die hatte ich eh noch nie so wirklich.

      Und Gaming ist für mich was anderes, glaube ich. Wenn ich ein Spiel spielen will, sehe ich es ein bisschen als würde ich im Kino einen Film gucken wollen, oder so. Ist eine tatsächliche Kunstform. Oder bei Multiplayer-Zeug halt eine soziale Interaktion, die damit automatisch einen zwischenmenschlichen Mehrwert hat.

  • Wie gut! Mit welchen Tools, Tutorials, Kursen, etc. lernst du? Mittlerweile gibt es ja so viel… Würde mich interessieren, was da für dich gut funktioniert. Danke dir!

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