Verzerrung der Proportionalität

In einer Last Week Tonight Folge über Verschwörungstheorien hörte ich kürzlich das erste Mal vom Proportionality Bias. Ich bin, obwohl das vermutlich viele denken, kein promovierter Psychologe, aber ich glaube, dass sich dieser Bias auch auf unser Verhältnis zu Berichterstattungen auswirkt.

Gestern las ich eine DWDL Meldung, in der stand:

Trotz der Tatsache, dass sich die Katastrophe in Beirut um kurz nach 18 Uhr ereignete, war das nur ein kleines Thema in der „Tagesschau“ um 20 Uhr. Und auch in den „Tagesthemen“ einige Stunden später wurde das Thema nur im Nachrichtenblock abgehandelt. Stattdessen begannen beide Sendungen mit den neuesten Entwicklungen rund um Corona, bei den „Tagesthemen“ mit einem Schwerpunkt auf dem Fußball, wo es bald vielleicht wieder Zuschauer im Stadion geben könnte.

Die ARD entschuldigt sich für diesen vermeintlichen Fehler:

Man hätte das Ereignis aber auch im klassischen Fernsehen besser abbilden müssen, schreibt die Chefredaktion bestehend aus Marcus Bornheim, Helge Fuhst und Juliane Leopold. „Es war eine journalistische Fehleinschätzung.“ Bilder seien auch Nachrichten und der Anspruch sei es, die Zuschauer „zu Augenzeugen bei relevanten Ereignissen“ zu machen. Im Nachhinein sei es schwierig zu erklären, wieso man das am Dienstag in den Sendungen nicht auch gemacht habe. „Denn es war eigentlich so offensichtlich.“

Ich bin nicht der Meinung, dass Zuschauer Augenzeugen relevanter Ereignisse sein müssen. Mindestens als Zuschauer sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es nicht nötig ist jede Sache, die groß und relevant wirkt, live miterleben zu müssen. Irgendwie haben wir uns so sehr kollektiv eingeredet, dass ein großes Ereignis automatisch in 24/7 Livestreams resultieren muss, dass mittlerweile sogar die Medienmacher das glauben.

Tatsächlich denke ich sogar, dass der Tagesschau-Beitrag – zwei Stunden nach dem eigentlichen Ereignis – absolut angemessen war. Er beinhaltete alles, was zu dem Zeitpunkt bekannt war und dann kam das nächste Thema dran. Manchmal ist selbst eine gigantische Explosion, die zu tragischem Verlust von Menschenleben führt, nur das desaströse Resultat von Fehlern. Kein Attentat, kein Angriff, keine Verschwörung. Ein Fehler von Menschen.
Die Tagesschau, die auf die kritisierte folgte, zeigte ganz gut, dass weiterhin nicht viel zu sagen war. Es wird verzweifelt versucht das Thema zu strecken, indem man relativ fadenscheinig in 1-2 Minuten die geopolitische Rolle von Libanon erklärt. Das ist zwar generell ganz interessant, aber ein relevanter Kontext zur Explosion wurde nicht hergestellt.

Ich weiß, ich weiß, der Wichmann redet wieder über Digital Minimalism, aber diese ganze Geschichte ist ein perfektes Beispiel dafür, dass unser Verhältnis zu ständigen Updates völlig krank ist. Es gibt keine Neuigkeiten und Leute kritisieren Medienmacher dafür, dass sie nur berichten, was berichtet werden kann, was letztendlich in schlechteren, inhaltleeren Berichterstattungen resultiert.

Hallo, ich bin Marcel, zeichne selten Comics, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und interessiere mich für Bücher, Digitalen Minimalismus, Philosophie, Kunst und Videospiele. 👋

5 Kommentare

  • Super interessant und absolut richtig. Warum sich eine ARD für sowas dann auch noch öffentlich „entschuldigt“ ist auch irgendwie traurig.

    • Das ist halt irgendwie das Problem an der Mob-Mentalität von Social Media. Alle meinen es auf ihre weirde Art nur gut, aber die reine Menge an Meinungen führt zu Druck. Man darf halt nicht vergessen, dass dieser Druck theoretisch Quatsch sein kann. Schwierig.

  • Das ist halt auch ein Stück weit der Konditionierung auf „+++ BREAKING +++“ und Push-Benachrichtigungen geschuldet. Und wenn einer dieses Spiel dann mal nicht mitspielt wird gleich die Qualität der journalistischen Arbeit in Frage gestellt. Als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen „Erster!1elf“ und wertvollem Inhalt.

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