Visueller Realismus in Videospielen

Je beeindruckender und realistischer die Grafik von Videospielen wird, desto mehr fällt mir auf, dass fotorealistische Grafik meinen Spielspaß mindert.

Die Battlefield Reihe hat nach Battlefield 3 aufgehört mir Spaß zu machen. Nicht, weil ich mein Interesse an Shootern, oder Videospielen verloren habe, nein. Weil ich nichts mehr erkennen kann. Mir fällt es schwer zu sehen, worum es geht, wo Gegner sind, auf was ich den Fokus legen muss. Es ist technisch beeindruckend, dass diese zerstörte Stadt, dieser tropische Wald oder dieses Kornfeld so unfassbar echt aussehen, dass man Angst haben muss, dass in die digitale, lens-flare-verseuchte Sonne schauen bleibende Schäden an meiner Real-Life-Retina hinterlassen könnte, keine Frage. Es hat allerdings zu meinem Spielspaß nichts beigetragen. Im Gegenteil.

Eyecandy lenkt mich vom eigentlichen Spielgeschehen ab. Toll, dass diese Explosion so echt wirkt, dass ich Gefahr laufe im echten Leben PTSD zu bekommen, aber ich weiß nicht, ob dieses andauernde Stressgefühl wirklich nötig ist, wenn ich doch eigentlich meine Freizeit genießen möchte.

Das Thema kam gerade auf, weil Freunde von mir sich beschwerten, dass bei der Vorstellung der Playstation 5 keine Spiele gezeigt wurden, die grafisch beeindruckend genug waren um wirklich eine neue Generation von Konsolen einzuführen. Mitteleuropäer, die wir sind, kann sich offenbar niemand so richtig für physikalisch korrekte Schweißtropfen an der Schläfe eines Basketballspielers begeistern, was das völlig überflüssige Genre immergleicher Sportspiele nur noch irrelevanter macht, als es sowieso schon war. Aber das nur nebenbei.


Gleichzeitig, ganz unabhängig von der PS5, habe ich mir für 12 € die Complete Edition von Horizon Zero Dawn geschossen. Open World Spiele sind eigentlich nichts für mich, weil sie sich zu sehr wie ein Nebenjob anfühlen, aber viele Leute loben und lieben es und für den Preis kann man nichts sagen. Was soll ich sagen: Die Storyline reizt mich und es ist wunderschön! Tolle Sonnenunter- und aufgänge. Leider erkenne ich nichts, weil der Wald so dicht, die Sonne so lensflary und die Welt so realistisch ist, dass ich einen Meter vor meinem Fernseher sitzen muss um das Gefühl zu haben, dass ich das Geschehen im Griff habe.

Die Designer moderner Spiele sind sich dessen natürlich bewusst. Darum leuchten Items, wenn sie auf dem Boden liegen. Darum haben die Gegner in Horizon Zero Dawn unglaublich helle, blaue LEDs an ihren Körpern, die ebenfalls aus irgendeinem Grund sehr viel Lens-Flare erzeugen. Das ist der Grund, warum jede nutzbare Pflanze ein kleines Interface-Symbol bekommt.
Darum gibt es einen alternativen Sichtmodus, der wichtige Dinge hervorhebt. So einen hat mittlerweile jedes moderne Spiel. Meistens irgendwie halbsinnvoll in die Geschichte des Spiels eingebaut. Sei es „Hunter’s Vision“, oder „Fokus“. Ein visueller Modus, der sich über die realistische Darstellung legt und abstrahiert relevante Objekte visuell hervorhebt. Die reine Anwesenheit dieser Interface-Krücke ist das beste Argument für meine These. Selbst die Entwickler wissen, dass man ohne Hilfsmittel nicht mehr genug erkennen kann.

Horizon Zero Dawn spielen hat gemacht, dass ich Zelda: Breath Of The Wild vermisse. Ebenfalls eine riesige Welt. Ebenfalls viel Bogenschießen. Allerdings gut gestaltet und nicht visuell überfordernd.

Als Interface Designer habe ich vielleicht eine andere Sicht auf Videospiele als Produkt. Man kann Interfaces bauen, die wunderschön sind, solange man nicht darüber nachdenkt, wie sie sich benutzen lassen würden. Plattformen wie Dribbble sind voll davon. Wenn ein Interface aber so sehr vollgestopft mit Eyecandy ist, dass man aufs Interface ein weiteres Interface legen muss, das einem visuell leicht sichtbar zeigt, wo der Button ist der einem erlaubt eine neue E-Mail zu schreiben, dann handelt es sich um schlechte Arbeit.

Horizon Zero Dawn, die neuen Battlefields und alle anderen fotorealistischen Spiele sind visuelle Kunstwerke. Schade nur, dass Spieler sich einzelne Frames nicht ausdrucken und aufhängen, sondern in erster Linie der eigentlichen Spielmechanik gerecht werden wollen. Es wundert mich also, dass Spiele wie Fortnite und Valorant direkt von einigen Spielern belächelt werden, weil sie sich einer reduzierteren Grafik bedienen. Valorant macht mir gerade so viel Spaß, wie schon lange kein Spiel mehr. Die Grafik steht nicht zwischen mir und meiner Fähigkeit eine Leistung zu erbringen. Wenn ich verliere, dann weil ich mechanisch oder taktisch versagt habe, nicht weil ich mich im visuellen Tohuwabohu verloren habe.


Vielleicht bin ich alt und klinge wie jemand, der beim ersten DOOM der Meinung war, dass Space Invaders weniger visuellen Schnickschnack hatte und daher besser spielbar war. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein Spieler, dem Mechanik wichtiger ist als Optik.

Vielleicht gibt es aber auch einfach tatsächlich das Problem, dass einige Spiele beim starken Fokus auf realistische Grafik das Gleichgewicht zwischen Spielbarkeit und Schönheit falsch bewerten. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir Realismus und Spielspaß so vereinen können, dass die Mechaniken nicht unter der Optik leiden müssen. Wird Zeit, dass in diesem Bereich etwas schnellere Innovation passiert. Aktuell bin ich von Ankündigungen fotorealistischer Spiele eher abgestoßen als gehyped. Schön reicht nicht. Das Aussehen darf nicht von produktiver Nutzung abhalten.

Wie auch immer. Bis dahin freue ich mich auf Spiele wie Little Devil Inside und Deathloop.

Hallo, ich bin Marcel, zeichne selten Comics, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und interessiere mich für Bücher, Digitalen Minimalismus, Philosophie, Kunst und Videospiele. 👋

7 Kommentare

  • Mal von den tatsächlichen Interfaces der Menüs in Spielen ganz abgesehen. Die sind meistens so lächerlich schlecht und unverständlich, dass es nur noch peinlich ist.

  • Der zweite Absatz spricht mir aus meiner tiefen Gamer-Seele. Schnelles Ego-Shooter Gameplay kombiniert mit vollgepackten Effekten die einem das Visier mit virtuellen Regentropfen zu knallen. Es ist schwierig die realistische Grafik zu genießen wenn das Gameplay einem nicht die Zeit dazu gibt.

  • Lieber Marcel,
    danke für diesen Artikel. Ich weiß jetzt warum ich bei „Death Stranding“ quasi im Fernseher sitze und mir trotz großem Fernseher fast „die Augen aus dem Kopf kucke“ (wie man bei uns so sagt) um was zu erkennen.

  • Danke, der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich erinnere mich noch lebhaft an das erste Mal, als ich in einem Shooter durch einen realistischen Dschungel kroch: Scheiße sieht das geil aus!!!! … Scheiße, ich kann die Gegner nicht mehr sehen!!!1 Wenn der Gegner dann gefühlt mit Predator-Optik unterwegs ist und zielsicher durch das Dickicht schießt, wird es unlustig.

    Witzigerweise kam das beim Gameplay so in Wellen. Ganz früher (letztes Jahrtausend) die Adventures (Point & Click) mit gezeichneter Hintergrundgrafik: Ich brauch ein Eimer, da steht ein Eimer, wie, ich kann den nicht anklicken? War halt nur Hintergrundgrafik, besorgen sollte ich natürlich einen ANDEREN Eimer.

    Dann kamen die ersten 3D-Spiele, und da Polygone teuer waren, wurde halt nur Wichtiges gerendert. Heutzutage gibt es Hardware im Überfluss und die Damen und Herren Spieledesigner können alles mögliche Gescherbel in der Gegen rumstehen lassen, wo man dann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

    Allerdings fällt mir keine Alternative ein. Ich will eine aufwendige Grafik wie Witcher 3, nehme dann halt die „Hexeransicht“ in Kauf, um die wichtigen Dinge angezeigt zu bekommen. Reduzierte Optik ist da für mich keine Option.

    • Ja, ist absolut ein spannendes Designproblem. Glaube fest daran, dass man es, mit viel Arbeit und Mühe und Aufwand, ohne Krücken wie alternativen Ansichten lösen könnte. Ist halt schwieriger.

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