Wie aufwändig es wirklich sein würde, täglich eine AR Brille zu tragen

Wenn man mit frischen Augen auf den Status Quo schaut, dann ist der von uns akzeptierte und als Optimum empfundene investierte Aufwand informiert zu sein schon überraschend groß.Für Leute, die Hosentaschen haben, ist eine eine von ihnen immer durch den kleinen Computer belegt. Für Leute, die Handtaschen benutzen, ist das Platzproblem ein geringeres, aber der Aufwand das Gerät rauszuholen umso größer.

Wenn man mit Leuten über AR-Glasses spricht, ist eine häufige Reaktion, dass es übermäßig störend und aufwändig wäre, ein Gerät dieser Art andauernd zu tragen. Meine Hypothese ist allerdings, dass es für die meisten Leute tatsächlich weniger Aufwand bedeuten würde, als sie aktuell bereitwillig bereits akzeptieren.

Nehmen wir an, dass fortgeschrittene AR-Glasses 50 % der täglichen Smartphone-Interaktionen abbilden könnten. Über neue Benachrichtigungen informiert werden. Feeds scrollen. Navigation. Solche Dinge. Meine schnelle Recherche1 ergab, dass 64 % der Amerikaner eine Brille tragen. 64 % aller Amerikaner würden, sobald sie eine AR Brille mit Stärke hätten, die Hälfte ihrer Smartphone-Interaktion loswerden. Kein Entsperren, kein wieder Sperren und kein wieder einstecken. Mehr oder weniger ohne direkten Nachteil.

Das beschreibt nur was man nicht mehr machen muss und noch nicht, was man dafür gewinnt: Zwei freie Hände und durchgängige Informationssicherheit. Man muss nicht mehr mit dem Smartphone interagieren um herauszufinden, ob man eine neue Benachrichtigung bekam. Das könnte sogar zu einer fragwürdigen, aber realen Erhöhung der inneren Ruhe führen.2
Leute wie ich, die in einer Stadt nichts finden ohne auf ihrem Handy Google Maps geöffnet zu haben, würden dafür kein Gerät mehr in der Hand halten müssen. Navigation ist einfach Teil der erweiterten Realität.
Solche Beispiele gibt es in großen Mengen.


Einige Sachen werden initial komplizierter. Wenn man davon ausgeht, dass die Brillen vorerst nicht alle Hardware mit sich bringen,die sie brauchen um zu funktionieren (wie die ersten Generationen der Apple Watch), dann wird man zwei Geräte mit sich herumschleppen müssen. Die Brille als Ausgabemedium, das Smartphone als Rechenzentrum. Man wird also auch zwei Geräte regelmäßig aufladen müssen.

The tech lord giveth and the tech lord taketh away.

Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die erste Generation bezahlbarer Massenmarkt AR-Brillen bereits autark sein könnte. Apple Watches sind klein, überraschend leistungsstark und können mittlerweile ohne iPhone benutzt werden. Es ist nicht völlig verrückt sich vorzustellen, dass diese Minicomputer als Grundlage in Brillen eingebaut werden. Allerdings klingen die aktuellen Gerüchte um Apples für 2021 gemunkelte AR-Brille noch so, als wäre es tatsächlich ein Gerät, das auf das iPhone als externe Hardware angewiesen sein wird. Babysteps.


Die Geschichte hat bewiesen, dass man im Schnitt eher wie ein Idiot wirkt, wenn man gegen den Fortschritt von Technologie wettet. Einzelne Hersteller, Produkte und Ideen scheitern. Aber insgesamt geht es voran. VR abzuschreiben, weil es seit den 80ern als Zukunft angekündigt wird und noch immer nicht die Welt revolutioniert hat ist schon jetzt naiv. AR abzuschreiben, weil die eigene Vorstellungskraft als Zukunftsvision nur größere Smartphone-Displays zulässt ist mindestens kurzsichtig. Und ich habe noch nicht mal angefangen über AR-Kontaktlinsen zu sprechen!

  1. Google: „percentage of people wearing glasses“. Habe nie behauptet, dass ich Wissenschaftler bin und mich an Qualitätsstandards halte.↩︎
  2. Ich als überzeugter Digitaler Minimalist habe da natürlich Meinungen zu, aber ich bin auch Realist. Die meisten Leuten scheren sich nicht um digitalen Minimalismus und wollen jede Benachrichtigung möglichst schnell sehen.↩︎
Hallo, ich bin Marcel, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und lebe mit meinen Katzen Gigabyte und Millimeter in Berlin. 👋

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