Wie man mehr Bücher liest

Niemand nimmt sich an Silvester vor im nächsten Jahr mehr Serien auf Netflix zu gucken. Wie kommt es also, dass einer der beliebtesten1 Vorsätze ist mehr Bücher zu lesen? Ich glaube, weil wir alle wissen, dass ein Buch einen als Person viel weiter bringen kann, als es Serien auf Netflix vermögen.

Meiner Meinung nach entsteht Mehrwert durch Aufwand und Glück durch persönlichen Fortschritt. Das ist auch die Basis für meine Herangehensweise an die Frage, wie man „Mehr Bücher lesen“ in sein Leben integrieren kann.

  • Man muss sich darüber im Klaren sein, warum man mehr Bücher lesen will. Ich sehe jedes Buch als Erweiterung meines Arsenals an Informationen an, aus denen ich in allen Lebensbereichen schöpfen kann. Unabhängig davon, ob Roman, Sachbuch, oder Biografie: Irgendwas bleibt immer hängen. Mein endloses Quest nach Selbstverbesserung wirft für mich viele Fragen auf, die ich versuche durch externe Informationen zu beantworten. Das macht mir Freude, weil ich merke, wie nach und nach neue Kontexte und Konzepte entstehen, die sich verknüpfen lassen. Wie streitet man sich besser mit Partnern? Buch! Was ist eigentlich Utilitarismus und verstehe ich mich als Utilitarist? Buch!2
  • Nur wenn man sich eingesteht, dass man Bücher nicht liest, weil sie die einfachste Unterhaltungsform sind, ist man bereit den Aufwand zu akzeptieren, den sie erzeugen. Natürlich ist es leichter sich von einer Serie berieseln zu lassen, als Worte auf einer Seite zu lesen und selbst Bilder und logische Verbindungen dazu im eigenen Kopf zu erzeugen. Eben weil es anstrengend ist, läuft man Gefahr zu den leichteren Unterhaltungsalternativen zurückzukehren, sobald man merkt, dass es schwierig ist. Darum ist es wichtig zu verstehen, was einem am Lesen reizt. Dieses Ziel ist dann der Grund dafür, warum man den Aufwand akzeptiert.

Wenn man dann verstanden hat, dass Lesen anstrengender sein muss als die Formen der Unterhaltung, die man sowieso schon in sein Leben integriert hat, dann erübrigen sich auch einige andere Fehler:

  • Dass man auf magische Art in seinem vollen Alltag plötzlich 1-2 Stunden freie Zeit pro Tag findet, in die man dann sein neues Hobby implantiert, ist recht unwahrscheinlich. Man muss sich also darüber im Klaren sein, dass „Mehr lesen“ eine Sache ist, die anderen Aktivitäten Zeit wegnimmt. Klingt auf der Hand liegend, aber so wirklich bewusst wird das Leuten erst, wenn sie am nächsten Silvester nur anderthalb Bücher gelesen haben und sich beschweren, das einfach nicht genug Zeit für mehr war.
  • Wer denkt, dass abends, vorm Einschlafen, im Bett, eine gute Zeit zum Lesen ist, hat Unrecht. Erkennt man auch daran, dass alle Leute, die das versuchen, schnell müde werden und… einschlafen. Das gleiche gilt für andere, sehr gemütliche Positionen. Natürlich schläft man ein, wenn man sich auf das Sofa legt, auf dem man sonst döst. Manchmal sitze ich zwei Stunden am Esstisch und lese ein Buch. Manchmal gehe ich an die Spree, setze mich auf eine Bank und lese ein Buch. Manchmal lese ich ein Buch, wenn ich esse.

Lesen ist nicht reine Entspannung. Wenn man es als eine aktive Aktivität (hm…) versteht, umgeht man schnell diese Probleme.

Bleibt die Frage, wie man am besten in das Hobby reinkommt. Das dürfte sich besonders für Leute als schwierig erweisen, die noch immer intensiv mit ihren Social Media Timelines verknüpft sind. Ein paar unsortierte Tipps:

  • Meine Unfähigkeit mich zu konzentrieren war anfangs so groß, dass ich mir Timer gestellt habe, vor deren Ablauf ich nichts anderes machen durfte als zu lesen. 30 Minuten sollten machbar sein. Der Vorteil daran zu wissen, dass am Ende der Zeit ein Geräusch ertönt und einem erlaubt etwas anderes zu machen ist, dass man weiß, dass die Qual bald ein Ende hat. Erfordert natürlich das Eingeständnis, dass das eigene Leben nicht aufregend genug ist, dass ausgerechnet in diesen 30 Minuten etwas passieren wird, das erfordert, dass man ständig auf sein Handy glotzt.
  • Lesen macht keinen Spaß, wenn man nur halb bei der Sache ist. Nicht der Geschichte, oder den Gedanken des Buches folgen zu können, ruiniert das gesamte Vorhaben. Man muss sich selbst und seine Zeit respektieren und Lesen als etwas verstehen, das man machen will und nicht als etwas, das man machen muss. Wenn man etwas machen will und es ernst nimmt, schenkt man der Sache seine volle Aufmerksamkeit. Gilt auch für alle anderen Dinge im Leben, finde ich.
  • Auch dünne Bücher sind Bücher. Auch einfache Geschichten können Mehrwert bieten. Wenn man sich nur durch „Thinking Fast And Slow“ quält, weil man gerne sagen können will, dass man es gelesen hat, wird keine Freude entstehen.3
  • Zu wissen, dass andere Bücher auf mich warten, die ich unbedingt lesen will, treibt mich an mein aktuelles Buch zu beenden. Darum habe ich gerne 2-3 Bücher auf meinem „Noch zu lesen“ Stapel liegen.
  • Bücher zu lesen, die einem keinen Spaß machen, ist dämlich. Es ist ärgerlich, dass man Geld für sie ausgab, aber ärgerlicher ist es, wenn man seine neu gewonnene Freude am Lesen verliert, weil man sich durch Bücher arbeitet, die man hasst. An Feinde verschenken, verkaufen, wegwerfen. Nächstes Buch!
  • Obwohl ich der erste bin, der irgendwelche analogen Dinge durch digitale Lösungen ersetzt, ist es bei Büchern anders. Ich las jahrelang Bücher auf meinem Kindle. Jedes sah dementsprechend typografisch gleich aus, hatte kein sichtbares Cover, keine einzigartige Form. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich mich an viele dieser Bücher einfach nicht mehr erinnern kann. Das geht mir mit keinem der Papierbücher so, die ich in den letzten zwei Jahren in meine Regale stellte.

Liegt eigentlich alles auf der Hand und klingt recht profan, wenn man es so niedergeschrieben sieht, aber vielleicht hilft es jemandem. Ich kann Lesen nur empfehlen. Hat sich nicht grundlos über Jahrhunderte in den Freizeit-Charts gehalten.

  1. Quelle: Mein starkes Gefühl, dass es so ist.↩︎
  2. Ich glaube ja? Arbeite noch dran!↩︎
  3. Ich habe es aus anderen Gründen gelesen und es entstand trotzdem keine Freude. Ist also vielleicht nicht das beste Beispiel.↩︎
Hallo, ich bin Marcel, zeichne selten Comics, schreibe manchmal Texte, gestalte öfter Digitale Produkte und interessiere mich für Bücher, Digitalen Minimalismus, Philosophie, Kunst und Videospiele. 👋

8 Kommentare

  • „Liegt eigentlich alles auf der Hand und klingt recht profan, wenn man es so niedergeschrieben sieht, aber vielleicht hilft es jemandem“.

    Finde es gerade nur leicht gruselig, dass mir seit Lesen eines Deiner Einträge vor circa einer Woche die vage Frage im Hinterkopf herumschwebt, wie Du 2020 bereits so viele Bücher gelesen hast und heute dieser Eintrag erschien.

    Hat mir in der Tat geholfen, vielen Dank! Nebenbei auch noch schnell angemerkt, dass ich Dein Blog-Revival und Deine „Neuausrichtung post-social-media“ beeindruckend und sehr spannend finde.

  • Danke, auch wenn es banal klingt, finde ich es immer interessant, wie andere Leute so etwas wie Bücher lesen machen. Mich würde noch interessieren, wo und wie du neue Bücher entdeckst. Folgst du bestimmten Blogs? Stöberst du einfach im Laden? Und wie entscheidest du, was als nächstes dran ist?

    • Hm. Gute Frage. Ich folge keinen Blogs, oder so. Schaue auch nicht durch die Recommendations bei Goodreads. Passiert eher so organisch. Was ich gerade lese entdeckte ich, weil der Autor zu Gast in einem Podcast war und interessante Sachen sagte. Er bewarb dieses Buch nicht, aber ich schaute aktiv nach, ob ich mehr zur Denkweise des Autors finden kann und, turns out, er schrieb mehrere Bücher. Ich kaufte auf gut Glück eines davon, das gut klang.
      Das Buch davor bekam ich Geschenkt. Das nächste hat jemand als „Das mochte ich sehr!“ erwähnt und ich teste es einfach auch.

      Aber ich habe hier in direkter Nähe meiner Wohnung auch einen der größten Buchläden Europas, der täglich bis Mitternacht geöffnet hat und – vor Corona – diverse Sitzplätze anbietet, auf denen man rumhängen kann. Da verbrachte ich schon einige Abende, an denen ich mir 5-8 Bücher aus den Regalen pickte und das erste Kapitel direkt im Laden las um zu sehen, wie das Buch mir gefällt.

      • Interessant. Bin mal gespannt, ob und wann sich dein Geschmack dann noch wandelt. Was mich bei Büchern immer etwas fertig macht, ist die schiere Masse – jede Entscheidung für ein Buch ist auch eine Entscheidung gegen hunderte andere. Ich denke, es sich da nicht zu kompliziert zu machen ist sehr wichtig.

        Und: Ich finde es spannend, mehr über deine Veränderungsprozesse zu lesen. So eine 180-Grad-Wende von digitaler Dauerbeschallung hin zu fokussiertem Leseverhalten – das ist schon etwas, wofür man sich mal gehörig auf die Schulter klopfen kann.

        • Naja, am Ende ist die Wende aus reinem Egoismus entstanden. Mir ging es mit dem vorherigen Lebensentwurf nicht gut und jetzt geht es mir besser. Erfordert ein bisschen „Kraft“ um den neuen Lifestyle in Schwung zu bringen, aber letztendlich macht man das ja ausschließlich für sich selbst.

  • Klasse Eintrag! Ich lese ab und zu auf dem Kindle, wobei mir eben beim lesen des Blog Eintrags aufgefallen ist, dass ich die Bücher im Prinzip nur halbherzig lese. Ich nehme mir zwar schon Zeit und sitze am Schreibtisch zum lesen, aber irgendwie bin ich da nicht ganz bei der Sache.
    Auch wenn ich übers Kindle nach neuen Bücher schaue, verderbe ich mir durch negative Bewertungen teilweise selbst die Lust daran, das Buch zu lesen.

    • Ja, man muss irgendwie lernen mit Reviews richtig umzugehen. Wenn die ★☆☆☆☆ Leute Sachen erwähnen, die einen selbst auch sehr nerven würden, aber die ★★★★★ Leute das nicht kompensieren können, ist das ja ein ganz guter Indikator dafür, dass man sich das Buch sparen kann. Denke ich.

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