Ich brauche wirklich keine neue Apple Watch

Wenn mich der Gedanke packt, dass ein Produkt mein Leben verbessern kann, verbringe ich unangemessen viel Zeit damit, darüber nachzudenken, ob es eine kluge Investition wäre.

Das rede ich mir zumindest ein. Eigentlich verbringe ich unangemessen viel Zeit damit, mir einzureden, dass es eine kluge Investition ist. Dann schaue ich Reviews auf YouTube und lese Erfahrungsberichte in irgendwelchen Blogs und erfahre nie wirklich etwas Neues. Das Ergebnis ist auch selten kreativer als “Okay, kaufe ich mir.”

Das macht ja auch alles in irgendeiner Form das Leben besser. Ich besitze die allererste Apple Watch, die jemals veröffentlich wurde. Damit bin ich relativ zufrieden, benutze ich sie doch nur um mir Benachrichtigungen und das Wetter anzeigen zu lassen. Aber… wäre da nicht viel mehr drin, wäre sie nur schneller, besser, neuer? Dann würde ich sicher auch Siri mehr benutzen und meine HomeKit Geräte damit bedienen.

Stimmt vermutlich.

Stimmt ganz sicher.

Also sollte ich sie kaufen.

Auf zum Apple Store.

Oder doch nicht? In den letzten Wochen mehren sich die Gedanken, dass ich vielleicht mein Kaufverhalten, ja sogar mein gesamtes Verhalten überdenken sollte. Ich kaufe um glücklich zu sein. Seit Jahren schon. Und hey, ich bin nicht unglücklich, oft sogar einfach glücklich. Mir geht es gut.

Trotzdem versuche ich die letzten 10 % durch irgendwas zu füllen. Und obwohl ich seit Jahren immer mehr Zeug ansammle, hat mich nichts davon voran gebracht.

Was ich eigentlich erreichen möchte ist, dass ich das Maximum an Glück und Zufriedenheit aus allen anderen Dingen des Lebens ziehen kann. Meine Arbeit, meine Hobbys, meine Familie und Freunde. Das ist eine ungeordnete Liste.

Ich kaufte diese Woche weder ein Smart Keyboard für mein iPad (ich schreibe das hier an meinem iPad, habe aber einfach mein anderes Keyboard via Bluetooth angeschlossen. Geht genau so gut, wenn nicht sogar besser.), noch eine neue Apple Watch. Meine tut, was sie soll und die neue würde diesen Nutzen nicht 400 € besser machen. Das ist ein Anfang.

Dieser Anfang ist auch Martin geschuldet, mit dem ich darüber sprach und der mich im Groben auf das Konzept des Minimalismus und im Speziellen auf The Minimalists brachte.

In den letzten Tagen las ich viele Artikel über das Thema und schaute auf Netflix die Dokumentation der The Minimalists Gründer. Das Grundprinzip ist nicht sonderlich komplex: Alles, was man macht und besitzt, sollte einen Mehrwert haben, der über “Wenn ich X habe fühle ich mich besser” hinaus geht. Minimalismus ist, wie alles, ein Spektrum, auf dem sich sowohl die achtköpfige Familie mit zwei Autos, als auch die Person befindet, die insgesamt nur 52 Gegenstände ihr Eigen nennt.

Das ist ein Ansatz, den ich aktuell sehr spannend finde. Meinen gesamten “Besitz” neu überdenken, herausfinden, ob ich wirklich dieses Bücherregal brauche, das voller Bücher ist, die ich seit dem Umzug nicht mehr angefasst habe. Spoiler: Vermutlich nicht.

Ja. Keine Pointe, kein Happy End, nur Blick in was mich gerade beschäftigt. Und bei euch so?

Spotify App Design 2011 vs. 2017

Ich habe die letzten Wochen relativ viel Zeit darauf verwendet all meine Bilder zu finden und in Photos.app und damit iCloud zu importieren. Das resultierte sowohl in über 25.000 Bildern seit 2006, einigen emotionalen Achterbahnen, als auch vielen retro Screenshots.

Heute stolperte ich über diesen hier. Spotify von 2011. Damals noch auf meinem iPhone 4. In 2011 kam irgendwann dann auch das iPhone 4S raus, das 4er war also nicht völlig veraltet und die Auflösung das größte, was ging. Wenn man sich das ganze im direkten Vergleich zu Spotify in 2017, auf einem iPhone X anschaut, dann ist das ein perfektes Beispiel für iteratives Design.

Spotify App, iPhone 4, 2011 (Klicken für Originalauflösung)

Ich verstehe ja nicht, wie Leute noch immer dem iOS 6 Look hinterher trauern können. Alles sieht behäbig, unsauber und grobschlächtig aus.

Spotify App, iPhone X, 2017 (Klicken für Originalauflösung)

Eigentlich kamen innerhalb der letzten sechs Jahre, nicht viele Elemente hinzu. Alles bekam lediglich etwas mehr Platz und wurde rhythmisch angenehmer angeordnet. Einige Leuten würden sich beschweren, dass man trotz größerer Displays nicht mehr Songs sieht, allerdings denke ich nicht, dass “mehr Content” automatisch immer das richtige Ziel sein muss. In diesem Fall kann man auf jeden Fall eine erhöhte Lesbarkeit feststellen.

Ansonsten einigermaßen Bemerkenswert: 2011 dachte Spotify, dass “Settings” wichtig genug ist um ein primärer Tabbar-Bereich zu sein. Heute weiß ich nicht mal auf anhieb, wo ich die Spotify Einstellungen finden kann, weil sie recht egal sind.

Ich habe eine Meinung zu: Thor: Ragnarok

Obwohl ich generell das Gefühl habe, dass ich den Durchblick im Marvel-Universum vor einigen Jahren verlor, habe ich doch manchmal Lust auf hirnlosen Action-Unsinn und gehe ins Kino um jemanden erheblich durchtrainierteren dabei zu beobachten, wie sie/er Bösewichte vermöbelt.

So fanden wir uns gestern in Thor: Ragnarok wieder. Der Trailer wirkte vielversprechend, der 80er-Futuristik-Stil sah unterhaltsam aus. Am Ende wurden meine niedrigen Erwartungen auch nicht enttäuscht. Thor vermöbelt Leute, macht eine okaye Charakterentwicklung durch, es gibt tatsächlich einigermaßen vernünftig geschriebene weibliche Charaktere und ich verstand viele der Avengers Referenzen.

Allerdings fiel mir auf, dass alles, was ich an dem Film richtig gut fand, von den Guardians Of The Galaxy Filmen übernommen wurde: Gute, alte Musik und visuell übermäßig “coole” Kampfszenen, die wie animierte Gemälde wirken. Allerdings kamen diese Szenen in Thor erheblich weniger oft vor, als in den beiden Guardians of the Galaxy filmen.

Daher: Gut unterhaltende 7/10 UARRR-Punkten.

Meine Meinung zu: Wolfenstein II: The New Colossus

Ich befinde mich… gerade in den USA… und besuche… einen Freund… der hier das unzensierte Wolfenstein 2 legal gekauft hat. Ehrlich.

In Deutschland, in das ich, äh, bald… äh wieder zurückreise… jaja, kann man das Spiel nur zensiert kaufen. Zensiert bedeutet in diesem Kontext: Ausschließlich deutsche Sprachausgabe und keine Nazis.

Ja, keine Nazis. In einem Spiel, in dem es darum geht, dass Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen haben und jetzt die USA besetzen. Geht also auch nicht um den Holocaust, gibt keinen Hitler und keine Hakenkreuze. Stattdessen den “Kanzler” und “das Regime”, gepaart mit mittelmäßigen deutschen Synchronsprechern.

Das kann man okay finden, man kann aber auch okay finden rostige Löffel unter die Fingernägel gerammt zu bekommen.

Warum ist das so? Weil in Deutschland Videospiele nicht zur Kategorie “Kunst” oder “Lehrmittel” gezählt werden. Das kann natürlich nur jemand entschieden haben, der keine Ahnung von Videospielen hat und alle Leute mit Ahnung wissen, dass diese Entscheidung nur temporär sein kann – ja muss.

Darum soll es aber hier nicht gehen (auch, wenn das 20 % meiner Bundestagswahlkampagne 2021 wird. Wählt mich.), sondern darum, wie großartig dieses Spiel doch ist.

Wolfenstein 2: The New Colossus ist eine völlig bescheuerte Achterbahnfahrt, die die nur völlig bekloppte Achterbahnfahrt des ersten Teils in den Schatten stellt.

Die Story ist die gleiche, wie schon im allerersten Wolfenstein von damals, als 3D Grafiken noch beeindruckend waren: Man ist BJ Blazkowicz und tötet Nazis. Klingt stumpf, ist allerdings gepaart mit den tiefgründigsten Charakteren und kurzweiligsten Missionen, die ich bisher in Videospielen sah. Die Dialoge sind großartig (In Englisch, that is. Auf Deutsch sind sie, so habe ich mir sagen lassen, hölzern und albern) und ich bin ernsthaft an allen Charakteren interessiert. Sogar BJ, von dem man eigentlich erwartet ein austauschbarerer, adrenalingetriebener Grobian zu sein, entwickelt von der ersten Minute an eine subtile Tiefgründigkeit, die ich nicht mal vom ersten Teil der Neuauflage von Wolfenstein gewohnt war.

Wenn ihr irgendwie die Möglichkeit habt einen äh… Freund… zu besuchen… in Amerika… der euch die Möglichkeit bietet das Spiel im Original zu spielen, dann… tut es auf jeden Fall. Falls ihr es niemals spielen werdet, oder auf Spoiler steht, schaut euch diese Szene an und erzählt mir, wie Videospiele keine Kunst sein können.

Offizielle UARRR.org Bewertung: Richtig gut, zwei Daumen nach oben, unbedingt spielen.

Es ist Freitag, meine Freunde: Eine Songempfehlung

Es passiert in den letzten Monaten seltener, dass ich Songs finde, die mir so gut gefallen, dass ich sie in Dauerschleife höre. Das hier ist einer der wenigen:

Octave Lissner – Waves of Time

Er macht mir gute Laune! Was will man mehr. Leider hat der gute Octave noch kein ganzes Album veröffentlicht, nur ein paar Singles. Er ist quasi das Tinder der Musik. Got it? Singles? Nein? Okay, egal.

Fünf Minuten

Ich gehöre nicht zu den ganz introspektiven Vertretern meiner Generation, die ihr Verhalten im digitalen Raum betrachten und zum Entschluss kommen, dass sie Entschleunigung brauchen. Stattdessen bin ich, stand November 2017, recht zufrieden mit der Geschwindigkeit meiner Informationsaufnahme und -abgabe.

Diese Woche war ereignisreich, immerhin hat die FDP entschieden nicht mehr an den Gesprächen zur Regierungsbildung teilzunehmen. Das kam für die meisten offenbar unerwartet, hat man doch angenommen, dass man nach dem aufregenden Wahlkampf direkt wieder in sein semiinteressiertes Halbaufpassen verfallen kann. Jetzt weiß niemand so genau, was passieren wird.

Was allerdings tatsächlich passierte, Minuten nach Bekanntgabe der Entscheidung der FDP, war, dass Journalisten und deutsche Internetspezialisten zu ihren Tastaturen griffen und Tweets schrieben. Jeder hatte eine Meinung, keine davon war durch mehr als schnell niedergetippte “Breaking News” Meldungen informiert.

Das ging rund 24 Stunden so weiter und erreichte seinen Höhepunkt, als Politiker, Journalisten und dahergelaufene Twitter-Detektive sich geifernd darüber ausließen, dass die “Sorry, wurde leider nichts” Headergrafik für die Social Media Profile der FDP schon vor der eigentlichen Bekanntmachung erstellt worden waren. Nicht Minuten, sondern Tage davor. Wie kann das sein! Abgekartetes Spiel! Schiebung!

Dass ein Social Media Team bei solchen Dingen im Vorfeld die möglichen Ausgänge bedenkt und für jeden Grafiken vorbereitet, wollte diesen Leuten nicht einleuchten. Wie soll man auch in den wenigen Sekunden, die man hat um einer der ersten Menschen zu sein, die etwas zu einem Thema sagen, über den Sachverhalt nachdenken? Das kann ja nun wirklich niemand verlangen.

Wie auch immer. Die ganze Geschichte hat mich an einen Artikel von Jason Fried erinnert, den ich vor Jahren las und ganz großartig fand.

“Give it five minutes” von Jason Fried

Damals hat mir dieser Artikel die Augen geöffnet und seitdem versuche ich mich so oft wie möglich an seine Lektion zu halten. Lest ihn doch mal und bei der nächsten Sache, die auf jeden Fall sofort eine finale Meinung von euch erfordert erinnert euch an ihn.

Zwei Jahre Selbstständigkeit

Heute vor zwei Jahren hatte ich meinen ersten Tag als Freelancer. Die Wochen vor der Entscheidung selbstständig zu werden waren emotional aufregend und mit allerlei existentiellen Ängsten verbunden, aber dann, zack sind zwei Jahre vergangen und ich könnte mit meiner Selbstständigkeit, meinen Kunden und den Projekten, an denen ich arbeiten darf, nicht zufriedener sein.

Das bedeutet aber auch, dass mein Portfolio jetzt schon zwei Jahre alt ist. Da muss dringend mal ein Update her. Ansonsten habe ich keine expliziten Pläne für das nächste Jahr der Selbstständigkeit. Allerdings bin ich auch niemand der auf diese Art über Zeitabschnitte nachdenkt.

Wie auch immer. Ich bedanke mich hiermit offiziell bei meinen, durch die Bank weg wunderbaren, Kunden, die die letzten zwei Jahre möglich gemacht haben und bei Cecilia, die überhaupt erst die überzeugenden Argumente brachte, die mich ins Freelancertum trieben.

Falls du, werter potentieller Kunde, eine App oder Webseite brauchst, kontaktiere mich doch über mein Portfolio. Ich bin meistens ausgebucht, freue mich aber immer über Möglichkeiten. ❤️

Von Trollen

Wir, als Nutzer des Internets, haben vor Ewigkeiten bereits verstanden, wie man mit störenden Trollen umgehen muss, die noch nicht genug Selbstreflektion gelernt haben um sich besser verhalten zu können.

„Don‘t feed the troll“ sind keine leeren Worte, sondern ein oft wiederholtes Mantra, das aktiv wirkt. Sehr, sehr, sehr viele Menschen sind in Kommentarspalten um das Gefühl zu haben, dass sich jemand um sie schert.

Wenn sich aber auch da niemand pikiert und es keine Reaktionen gibt, auf die man wieder reagieren kann, muss man irgendwann anfangen über sich selbst nachzudenken. An dieser Stelle enden diese Kommentare. In meinen digitalen Postkästen landeten über die Jahre einige dieser Leute und ich verspreche, dass sie die Lust verlieren, wenn sie in ein Vakuum hineinreden.

Trotzdem wendet dieses Prinzip niemand auf die AfD an. Irgendein Heiopei sagt irgendeine rassistische Sache, alle Publikationen berichten darüber. Heiopei lernt: Rassist sein macht mich berühmt und erfolgreich. Heiopei ist beim nächsten Mal etwas mehr Rassist. Da kann man auch schon mal öffentlich sagen, dass man die Regierung jagen will, klingt mittlerweile ganz normal. Obwohl 200 Artikel darüber geschrieben wurden, wie schlecht das doch ist.

Warum nicht also einfach nicht über all die menschlichen Entgleisungen sprechen, sonder über tatsächliche Themen? Warum fragen wir die nicht-menschenfeindlichen Parteien nicht in Artikeln zu ihrem Rentenkonzept und machen einen Vergleich zwischen den verschiedenen Vorschlägen? In diesem Artikel würde die AfD nur mit „Hat aktuell kein Konzept zur Rente“ erwähnt werden. Klingt ja eher nicht so gut. Besonders wenn man wütender, alter Mann ist, der kam um seine Faust gegen die „Volksverräter“ der Altparteien zu schütteln.

Stattdessen fragen Journalisten die anderen Parteien, was sie vom aktuellen dummen Kommentar vom Rassistenheiopei halten und immer und immer wieder, inwiefern das Rentenkonzept überhaupt, möglich ist, wenn doch so viele Geflüchtete ins Land kommen. Kontext? Nicht nötig. Hauptsache das Gespräch wieder auf das einzige Thema der Saftladenpartei gelenkt. Bringt Klicks und Kommentare.

Ich bin der letzte, der die Medien basht und sagt, dass es alles gekaufte Regierungssprecher sind. Ich verstehe den Job, massig meiner Freunde arbeiten in ihm und ich empfinde ihn als so wichtig, dass ich diesen Post hier schreibe und mir wünschte, dass sich etwas ändert. Allerdings ist der Kreislauf aus Eklat und erzeugten Klicks relativ erprobt und kein Zufall. Rapper und YouTuber leben davon, Zeitungen auch.

„Dackelkrawattenträger auch heute wieder Rassist“ ist der grundsätzliche Neuigkeitswert von 95 % der Artikel über die Heiopeipartei. Das klickt man gerne. Entweder man ist gegen den Saftladen und will sich in seiner Meinung bestätigen lassen, oder man ist für den Saftladen und will geifernd im Kommentarbereich erwähnen, dass man das doch wohl noch sagen dürfe. Von beiden Seiten gibt es für den Veröffentlicher dieses pulitzerpreisverdächtigen „Person hat gesagt“ Meisterwerks Klicks und Interaktion. Und was ist wichtiger als Klicks und Interaktion, wenn ein Großteil der Einnahmen abhängig von Werbeimpressionen sind? Nichts.

Vielleicht könnte man aufhören die Trolle zu füttern und anfangen die ernst gemeinten Politiker, die etwas von der Verfassung halten, zu tatsächlichen Themen zu befragen. Dann ist man auch nicht mehr das indirekte Sprachrohr für Rassisten, sondern das direkte Sprachrohr für demokratische Arbeit, die aus mehr als Empörung besteht.

Bitte informiert mich über Rentenkonzepte.

Ein Herbstlied

Sommer vorbei, gute Laune vorbei. Das ist perfekt, weil mein Musikgeschmack sowieso für Herbst und Winter optimiert ist. Klinge ich wie jemand, der versucht sich die kalte Jahreszeit schönzureden? Vermutlich, ich kann Herbst und Winter wenig abgewinnen. Heute habe ich, durch die Magie von Spotify, einen Song wiederentdeckt, der mich durch eine intensive Lebensphase begleitete und muss sagen: Vermutlich einer der besten. Hört ihn doch mal an.

Was ich in der Bundestagswahl 2017 wählen werde

In vier Tagen ist Bundestagswahl 2017 und ich bin mir sicher, dass dieses Thema an niemandem vorbei ging. Seit gefühlt zwei Jahren ist Wahlkampf, seit gefühlt zwei Jahren muss man sich schlecht fühlen, weil man nicht weiß, was man wählen will, aber auch irgendwie zu faul ist tatsächlich die Wahlprogramme zu lesen. Alle anderen haben sie offenbar schon gelesen, so intensiv, wie sie diskutieren und sich sicher sind, dass sie wissen, wovon sie sprechen. (Spoiler: Kaum jemand hat alle Wahlprogramme gelesen. Wenn überhaupt eines.)

Sonntag hat das ein Ende. Mit dem Ergebnis von Sonntag können und müssen wir dann vier Jahre lang leben. Ich, für meinen Teil, habe in den letzten Monaten und Jahren des Wahlkampfes viel gelernt. Sowohl über den politischen Prozess, als auch über meine Position in ihm, als Bürger mit einer Stimme.

Das geht vermutlich vielen so. Zumindest habe ich auch gemerkt, wie man als wählender Bürger mit einer Meinung plötzlich auch der Meinung von 80 Millionen anderen wählenden Bürgern ausgesetzt ist und oh boy, sind das laute Meinungen, die nicht selten aggressiv, oder annähernd flexibel vorgetragen werden.

Jemand nennt eine Partei, die nicht der persönliche Favorit ist? Man muss unbedingt sagen, warum diese Partei literally Hitler ist. Eine Partei, die man selbst nicht wählen möchte macht etwas? Man muss unbedingt erwähnen, warum das das schlimmste ist, was jemals eine Partei gemacht hat.

Gefällt mir nicht. Die gesamte Diskussion ist toxisch, obwohl sie es nicht sein sollte. Weshalb ich die letzten Monate versuchte mit vielen Leuten darüber zu sprechen was sie wählen und mit keinem Wort zu erwähnen, was ich an ihrer Partei schlecht finde. Ich sagte nur, dass ich froh bin, dass sie wählen gehen. Fühlt sich erheblich(!) mehr an als wären wir alle in einem Boot.

Was, meiner Meinung nach, im Diskurs der letzten Monate verloren ging ist das Bewusstsein, dass das hier nicht die Bundesliga ist, bei der am Ende irgendjemand einen Pokal (Was weiß ich von Fußball? Bekommen die Medaillen?) mit nach Hause nimmt und der eindeutige Gewinner ist. Außerdem gibt es kein offizielles Ende. Demokratie ist kein Pferderennen (gute Idee, Marcel, mach eine weitere Sportmetapher auf, von der du keine Ahnung hast), bei dem man auf ein Pferd setzt und am Ende sagen kann, dass man Recht hatte. Demokratie ist iteratives Design, ein Gestaltungsprozess, der ein Land formt. Aktuelle Entscheidungen prägen für einen definierten Zeitraum und können dann entsprechend angepasst werden.

Was bedeutet das für mich, als eine dieser 80 Millionen Personen? Verschiedene Dinge:

  • Ich kann mich nicht für ein Team entscheiden, von dem ich weiß, dass es mich 100 % begeistert. Zumindest nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Gerne wäre ich jemand, der sagen kann “Das hier ist gut, alles andere ist absolut schlecht”, aber das bin ich nicht. Wäre aber ein leichteres Leben. Darum stehe ich auch hinter keiner Partei absolut und ohne Bedenken. Ich betrachte Parteien als Möglichkeit temporär eine Idee zu abonnieren.
  • Das geht vermutlich so einigen so, darum sagen Leute, dass es ihnen schwer fällt eine Entscheidung zu treffen. Kann ich nachvollziehen.
  • Ich habe für mich entschieden, dass Wahlprogramme beim Wort zu nehmen nichts bringt. Auch auf Einzelaussagen von Parteispitzenpersonal muss man nichts geben. Ich wähle grobe Strömungen. Jede Partei steht, fundamental, für eine grobe Strömung. Da kann man auch nicht sagen, dass jede Partei gleich ist, an der Stelle wäre es noch blödsinniger, als es schon ist, wenn Leute das von den Parteiprogrammen behaupten.
  • Meine Wahl ist nicht final. Weil ich dieses Jahr Partei X wähle, bedeutet das nicht, dass ich will, dass diese Partei 100 % Macht hat. Das System ist, wie gesagt, eine Kooperation und ein Diskurs, kein Wettbewerb, bei dem jemand gewinnt. Man wählt die Argumente in einem Gespräch, nicht das Ergebnis des Gesprächs.
  • Ich mache meine Wahl abhängig von den aktuellen Zuständen und den Dingen, die mich beschäftigen und bin absolut bereit meine Meinung in den nächsten vier Jahren stark zu ändern und dann vollkommen andere Parteien zu wählen.

Was ist mir also wichtig? Mir ist wichtig, dass Leute so klug wie möglich sind, was in 2017 und allen folgenden Jahren auch stark mit Technikverständnis einher geht. Digitalisierung und Bildung sind damit für mich mit die wichtigsten Themen, die ich als bearbeitenswert erachte. Eine meiner Stimmen geht also an die FDP. (Achtet mal kurz darauf was in euch gerade passierte. Hattet ihr den “ABER ABER ABER”-Reflex, den ich oben beschrieb? Durchatmen!) Meiner Meinung nach ist der Plan der FDP für diese Themen ein guter und der beste, den ich aktuell (Stand September 2017) kenne.

Mir ist auch wichtig, dass die Teilnehmer des Clubs Erdenbürger erleben können, dass die Regierung und Mitglieder und Verwaltungsorgane und alles andere von Relevanz digital bewandert ist und eine gute Bildung genossen haben. Das funktioniert nur, wenn wir nicht alle erstickt, oder verbrannt sind, weil wir weiterhin den Planeten zerstören. Darum geht meine andere Stimme an die Grünen. Irgendwas sagt mir, dass die Grünen, egal wer am Steuer ist und egal, was die genauen Themen sind, das beste für die Umwelt wollen.

Bescheuert, oder? Was für ein dämliches Ergebnis meiner Überlegungen. Aber wisst ihr was? Ich fühle mich damit wirklich gut. Die Klimapolitik der FDP kann ich nicht verantworten. Viele Ansichten der Grünen auch nicht. FDP und Grüne können sich nicht leiden, nicht mein Problem und wenn beide stark sind und mitbestimmen können denke ich, dass das Ergebnis ein gutes werden könnte. Meine eine Stimme muss nicht für jedes Problem der Gesellschaft die Lösung sein. Ich muss nur sagen was mir wichtig ist.

Das ist meine Bundestagswahl 2017. Mental habe ich mit dem Prozess jetzt abgeschlossen, was ein gutes Gefühl ist. Probiert das auch. Entscheidet euch, notfalls basierend auf groben “Ich finde, dass die Welt etwas mehr so und so sein sollte” Argumenten. Ausreichend! Ihr werdet sowieso nicht “richtig” wählen können.

xoxo

(Um das nicht ungesagt zu lassen: Man kann hingegen falsch wählen. Parteien zu wählen, die andere Menschen als Feindbild darstellen, die Angst schüren und Leute anstacheln gegen Mitmenschen zu sein, sollten nicht gewählt werden. Muss ich niemandem von euch sagen. Sollte das hier jemand lesen, der tatsächlich plant die AfD zu wählen: Ich verachte dich nicht, aber meine Wahlentscheidung trägt hoffentlich dazu bei, dass auch Personen wie du zu mehr Bildung gelangen. 😘)