
“Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!” verkündet Faust glücklich seinem penetranten Streberlehrling Wagner in Goethes bekanntem Jahrhundertwerk als er mit ihm ein Volksfest zu Ostern besucht. Obwohl er nur kurz übers Gelände flaniert, erkennt der kluge Gelehrte sofort was schon vor zweihundert Jahren nötig war, um das menschliche Gemüt zu erhellen und von der er-schrecklichen akademischen Wahrheit abzusehen: Bier, Schwein am Spieß, gutes Wetter und die ein oder andere nette Dame. ; - )
Heutzutage nennt sich so was Festival und wenn ein normalsterblicher Nüchtener über ein solches spaziert, dürfte er normalerweise nur Dreck, Ethanolnebel und völlig verkommene Gestalten, die sich von lauwarmen Eintöpfen mit brechefarbenen Kartoffel Bröckchen und dem Inhalt von Plastikbierflaschen ernähren, wahrnehmen. Ganz nüchtern betrachtet ist das auch die Wahrheit. Aber eben jene Mischung aus latenter Betrunkenheit, Schlafentzug und abgefuckter Zeltplatzgemütlichkeit versetzt den Festivalbesucher, praktisch dem Ureinwohner des Festivals, in einen Zustand akuten Glücks. Man denkt eigentlich kaum noch nach, sondern fühlt nur (nicht differenziert, geil oder scheiße halt ^^), man spricht nicht, sondern fabuliert und philosophiert eher. Auch, sogar gerade, mit Wildfremden, die einem nach wenigen Sekunden vorkommen als wären sie langjährige Bekannte. Beim Aufwachen kann man sich eventuell nicht mehr an sie erinnern.
Man richtet sich häuslich ein: Viele haben eine Lieblingspinkelstelle.
Auf Festivals spielen auch Bands;
Um eine schlechte Festivalband zu sein, muss man sich sehr anstrengen und auf jedenfall nicht grooven, denn alles was hüpf- und springbar ist, wird vom durchschnittlichen Zuschauer hemmungslos verwertet, selbst vorgetragen auf einer Heimorgel. Dinge die man sonst eher hasst, wie zum Beispiel von vielen schwitzigen Typen mit Bärten angerempelt zu werden, bekommen plötzlich erstrebenswerten Charakter.
Festivals sind Web 0.0;
Festivals spülen die dünne Schicht Zivilisation auf dem Ego, deren Körner so manchen gehörig im Getriebe knirschen, eine Weile fort. Wenn man völlig fertig und verdreckt nach Hause kommt, ist man in Wirklichkeit völlig sauber und erholt. Deutschlands Managerelite und anderen Herzinfarkt Gefährdeten sei also ein jährlicher Festivalbesuch ans Herz gelegt; da gibt’s keine Uhren und keine Zeit, höchstens die Running Order ; - )
Schönen Sonntag,
188848421 : - )
