Hört Facebook uns alle ab?

Dem Gerücht, dass Facebook all seine Nutzer durchs Mikrofon des Smartphones abhört, wachsen Beine. Nicht zwei, sondern so zwei Millionen. Kürzlich hat Reply All eine wirklich nicht sehr gute Folge darüber gemacht und man hört diese “Meinung” mittlerweile fast regelmäßig. Warum ich Meinung in Anführungsstriche schreibe? Weil Technik keine abgefahrene Magie ist und man tatsächliche Antworten haben kann, wenn man sich damit beschäftigt.

Als Disclaimer: Ich rede hier von der einen mobilen Plattform, der man vertrauen kann: iOS! Was auf irgendwelchen Android Handys mit irgendeiner Version von Android drauf abgeht, während Leute .apk Dateien aus den düstersten Ecken des “Ich will keine 3 € für dieses Spiel zahlen!”-Abgrundes installieren, ist mir egal. Wer Android nutzt sollte davon ausgehen abgehört zu werden.

Was Leute sagen, dass Facebook tut

Menschen, die dieser Urban Legend aufgelaufen sind, sagen, dass sie wissen(!), dass Facebook ihr Mikrofon abhört, weil sie plötzlich Werbung für lange Unterhosen sehen, obwohl sie diese nur ein einziges Mal in einem real life Gespräch erwähnt haben, während das Handy in der Nähe lag. Sie garantieren, dass sie danach noch nie gegoogelt, gechattet, oder auf Amazon Informationen eingeholt haben. Trotzdem bekamen sie plötzlich Werbung für genau dieses eine Produkt. Wie kann das sein? Eindeutig, Facebook hört mit!

Was Facebook wirklich tut

Ich kann das verstehen, das wäre eine Erklärung, die in Frage kommt. Bis man sich die Fakten anschaut:

  1. Es ist illegal. Mindestens in Deutschland, soweit ich weiß auch in den USA. Wenn eine Überwachungsaktion dieser Art an die Öffentlichkeit gerät (und wie könnte sie nicht, das ist Facebook, eine Firma, die nicht unbedingt dafür bekannt ist, Geheimnisse gut bewahren zu können), wäre der Schaden erheblich größer, als die paar verbesserten Werbeeinnahmen jemals einbringen könnten.
  2. Es ist unwahrscheinlich. Werden nicht mittlerweile selbst Zeugenaussagen bei Polizeiverfahren nur noch mit Bedacht Beachtung geschenkt, weil festgestellt wurde, dass Leute keine Ahnung von dem haben, was sie machen und was um sie herum geschieht? Ich traue es den meisten Leuten nich zu genau zu wissen, an welchen der 2000 täglichen Touchpoints mit digitalen Eingabefeldern sie welche Informationen von sich preisgegeben haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie vor genau einem Jahr nach langen Unterhosen googelten und das jetzt in irgendeiner Werbeanzeige ausgespuckt wird, weil Server ein besseres Erinnerungsvermögen haben als sie selbst? Recht groß!
  3. Es ist nicht skalierbar: Facebook hat im Schnitt 1,3 MILLIARDEN Nutzer am Tag. Ich wäre stark überrascht, wenn heutzutage irgendein Unternehmen die Ressourcen hätte, diese Datenmengen zu stemmen. Und, wie gesagt, das alles für minimal bessere Werbeeinnahmen, die eigentlich schon gut genug sind, weil wir den Plattformen eh alle relevanten Informationen schriftlich geben. In Posts, Kommentare, Chats, Bildbeschreibungen und Stories.
  4. Es ist technisch unmöglich. Was? Oh, ja, das sollte vielleicht der erste Punkt dieser Liste sein. Tja.
    Leute, die denken, dass Facebook sie immer abhören kann, egal ob die App offen, geschlossen, deinstalliert, oder das iPhone in 20 Meter Entfernung liegt, verstehen nicht, wie moderne Telefone mit Software technisch funktionieren. Facebook befolgt auf iOS die gleichen Regeln, wie alle anderen App-Entwickler. Eine der Regeln ist, dass man die Hardware des Geräts nur basierend auf offiziellen Regeln ansprechen kann. Das ganze passiert durch etwas namens API, aber die Details sind auch egal. Tatsache ist: Wenn eine App das Mikrofon des Geräts anspricht und man die App “minimiert”, erscheint oben in der Statusbar ein roter Balken. Dieser Balken sagt “Hey, hier läuft noch eine Aufnahme!”. Kann man leicht testen, indem man die offizielle Voice Memos App nutzt, eine Aufnahme startet und dann auf den Home-Button drückt.
    Daran kommt niemand vorbei. Das fordert Apple von Entwicklern, damit dem Nutzer klar ist, was im Hintergrund passiert. Das beste ist: Man kann eigene Apps bauen. Wer das nicht glaubt, weil er zu irgendeinem Zeitpunkt Werbung für lange Unterhosen gesehen hat, aber nicht glaubt, dass Facebook ihn nicht abhört, der kann sich Xcode runterladen und einfach versuchen eine App zu bauen und in den AppStore zu packen, die im Hintergrund heimlich Nutzer abhört. Viel Glück dabei.

Disclaimer

Nur, damit es nicht unerwähnt bleibt: Soweit ich weiß, kann man mit dem Mikrofon innerhalb einer App machen, was man will, sofern der Nutzer gesagt hat “Ja, Mikrofonzugriff zulassen”. Bedeutet: Theoretisch wäre es möglich, dass Instagram und Facebook einen abhört, sobald man die Apps öffnet. Allerdings, wie oben bereits erwähnt, schwer skalierbar und mit fragwürdigem wirtschaftlichen Vorteil. Klügere Menschen als ich können übrigens auch einfach testen, ob diese Apps bei der Benutzung das Mikrofon ständig abhören und bisher hat das (soweit ich weiß) noch niemand bewiesen.

Zusammenfassung

Dieses Unverständnis ist okay, bis es uns als Gesellschaft Technologie verteufeln lässt, die nicht verteufelt werden muss. Uninformierte “Aber es könnte ja sein!” Angst bringt niemandem etwas anderes als Panik. Fortschritt wird auch nicht leichter möglich, indem man sein grobes Viertelwissen als Fakten an Leute heranträgt und keine tatsächlichen Fakten mehr glaubt, weil man sich etwas nicht auf andere Art und Weise erklären kann. So wurden ganze Religionen erfunden, wir sollten nicht das gleiche mit Technologie geschehen lassen.

(Ich wollte diesen Beitrag ursprünglich nicht schreiben. Mein Wissen über all diese Dinge ist auch nicht 100 % wasserdicht und es gibt erheblich informiertere Menschen, als ich es bin. Trotzdem dachte ich mir, dass die vielleicht nicht diesen Artikel schreiben würden, ich aber schon und als 20%-Wissen-Person von jemandem informiert werden, der 80 % Wissen zu diesem Thema hat, ist besser als nichts.

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