Was ich in der Bundestagswahl 2017 wählen werde

In vier Tagen ist Bundestagswahl 2017 und ich bin mir sicher, dass dieses Thema an niemandem vorbei ging. Seit gefühlt zwei Jahren ist Wahlkampf, seit gefühlt zwei Jahren muss man sich schlecht fühlen, weil man nicht weiß, was man wählen will, aber auch irgendwie zu faul ist tatsächlich die Wahlprogramme zu lesen. Alle anderen haben sie offenbar schon gelesen, so intensiv, wie sie diskutieren und sich sicher sind, dass sie wissen, wovon sie sprechen. (Spoiler: Kaum jemand hat alle Wahlprogramme gelesen. Wenn überhaupt eines.)

Sonntag hat das ein Ende. Mit dem Ergebnis von Sonntag können und müssen wir dann vier Jahre lang leben. Ich, für meinen Teil, habe in den letzten Monaten und Jahren des Wahlkampfes viel gelernt. Sowohl über den politischen Prozess, als auch über meine Position in ihm, als Bürger mit einer Stimme.

Das geht vermutlich vielen so. Zumindest habe ich auch gemerkt, wie man als wählender Bürger mit einer Meinung plötzlich auch der Meinung von 80 Millionen anderen wählenden Bürgern ausgesetzt ist und oh boy, sind das laute Meinungen, die nicht selten aggressiv, oder annähernd flexibel vorgetragen werden.

Jemand nennt eine Partei, die nicht der persönliche Favorit ist? Man muss unbedingt sagen, warum diese Partei literally Hitler ist. Eine Partei, die man selbst nicht wählen möchte macht etwas? Man muss unbedingt erwähnen, warum das das schlimmste ist, was jemals eine Partei gemacht hat.

Gefällt mir nicht. Die gesamte Diskussion ist toxisch, obwohl sie es nicht sein sollte. Weshalb ich die letzten Monate versuchte mit vielen Leuten darüber zu sprechen was sie wählen und mit keinem Wort zu erwähnen, was ich an ihrer Partei schlecht finde. Ich sagte nur, dass ich froh bin, dass sie wählen gehen. Fühlt sich erheblich(!) mehr an als wären wir alle in einem Boot.

Was, meiner Meinung nach, im Diskurs der letzten Monate verloren ging ist das Bewusstsein, dass das hier nicht die Bundesliga ist, bei der am Ende irgendjemand einen Pokal (Was weiß ich von Fußball? Bekommen die Medaillen?) mit nach Hause nimmt und der eindeutige Gewinner ist. Außerdem gibt es kein offizielles Ende. Demokratie ist kein Pferderennen (gute Idee, Marcel, mach eine weitere Sportmetapher auf, von der du keine Ahnung hast), bei dem man auf ein Pferd setzt und am Ende sagen kann, dass man Recht hatte. Demokratie ist iteratives Design, ein Gestaltungsprozess, der ein Land formt. Aktuelle Entscheidungen prägen für einen definierten Zeitraum und können dann entsprechend angepasst werden.

Was bedeutet das für mich, als eine dieser 80 Millionen Personen? Verschiedene Dinge:

  • Ich kann mich nicht für ein Team entscheiden, von dem ich weiß, dass es mich 100 % begeistert. Zumindest nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Gerne wäre ich jemand, der sagen kann “Das hier ist gut, alles andere ist absolut schlecht”, aber das bin ich nicht. Wäre aber ein leichteres Leben. Darum stehe ich auch hinter keiner Partei absolut und ohne Bedenken. Ich betrachte Parteien als Möglichkeit temporär eine Idee zu abonnieren.
  • Das geht vermutlich so einigen so, darum sagen Leute, dass es ihnen schwer fällt eine Entscheidung zu treffen. Kann ich nachvollziehen.
  • Ich habe für mich entschieden, dass Wahlprogramme beim Wort zu nehmen nichts bringt. Auch auf Einzelaussagen von Parteispitzenpersonal muss man nichts geben. Ich wähle grobe Strömungen. Jede Partei steht, fundamental, für eine grobe Strömung. Da kann man auch nicht sagen, dass jede Partei gleich ist, an der Stelle wäre es noch blödsinniger, als es schon ist, wenn Leute das von den Parteiprogrammen behaupten.
  • Meine Wahl ist nicht final. Weil ich dieses Jahr Partei X wähle, bedeutet das nicht, dass ich will, dass diese Partei 100 % Macht hat. Das System ist, wie gesagt, eine Kooperation und ein Diskurs, kein Wettbewerb, bei dem jemand gewinnt. Man wählt die Argumente in einem Gespräch, nicht das Ergebnis des Gesprächs.
  • Ich mache meine Wahl abhängig von den aktuellen Zuständen und den Dingen, die mich beschäftigen und bin absolut bereit meine Meinung in den nächsten vier Jahren stark zu ändern und dann vollkommen andere Parteien zu wählen.

Was ist mir also wichtig? Mir ist wichtig, dass Leute so klug wie möglich sind, was in 2017 und allen folgenden Jahren auch stark mit Technikverständnis einher geht. Digitalisierung und Bildung sind damit für mich mit die wichtigsten Themen, die ich als bearbeitenswert erachte. Eine meiner Stimmen geht also an die FDP. (Achtet mal kurz darauf was in euch gerade passierte. Hattet ihr den “ABER ABER ABER”-Reflex, den ich oben beschrieb? Durchatmen!) Meiner Meinung nach ist der Plan der FDP für diese Themen ein guter und der beste, den ich aktuell (Stand September 2017) kenne.

Mir ist auch wichtig, dass die Teilnehmer des Clubs Erdenbürger erleben können, dass die Regierung und Mitglieder und Verwaltungsorgane und alles andere von Relevanz digital bewandert ist und eine gute Bildung genossen haben. Das funktioniert nur, wenn wir nicht alle erstickt, oder verbrannt sind, weil wir weiterhin den Planeten zerstören. Darum geht meine andere Stimme an die Grünen. Irgendwas sagt mir, dass die Grünen, egal wer am Steuer ist und egal, was die genauen Themen sind, das beste für die Umwelt wollen.

Bescheuert, oder? Was für ein dämliches Ergebnis meiner Überlegungen. Aber wisst ihr was? Ich fühle mich damit wirklich gut. Die Klimapolitik der FDP kann ich nicht verantworten. Viele Ansichten der Grünen auch nicht. FDP und Grüne können sich nicht leiden, nicht mein Problem und wenn beide stark sind und mitbestimmen können denke ich, dass das Ergebnis ein gutes werden könnte. Meine eine Stimme muss nicht für jedes Problem der Gesellschaft die Lösung sein. Ich muss nur sagen was mir wichtig ist.

Das ist meine Bundestagswahl 2017. Mental habe ich mit dem Prozess jetzt abgeschlossen, was ein gutes Gefühl ist. Probiert das auch. Entscheidet euch, notfalls basierend auf groben “Ich finde, dass die Welt etwas mehr so und so sein sollte” Argumenten. Ausreichend! Ihr werdet sowieso nicht “richtig” wählen können.

xoxo

(Um das nicht ungesagt zu lassen: Man kann hingegen falsch wählen. Parteien zu wählen, die andere Menschen als Feindbild darstellen, die Angst schüren und Leute anstacheln gegen Mitmenschen zu sein, sollten nicht gewählt werden. Muss ich niemandem von euch sagen. Sollte das hier jemand lesen, der tatsächlich plant die AfD zu wählen: Ich verachte dich nicht, aber meine Wahlentscheidung trägt hoffentlich dazu bei, dass auch Personen wie du zu mehr Bildung gelangen. 😘)

Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag, freue mich dass Mal jemand ohne Aggressionen oder politisches Programm was zu dem Thema sagt. Ich finde deine Vorgehen gut und absolut nachvollziehbar und geh das Ganze nach dem selben Schema an.
    Die Wahlprogramme sind sowiso unrealistisch, am Ende kommen ja immer Kompromisse raus – da fand ich deine Analogie mit dem Gespräch und den Argumenten gut.

  2. Jetzt wäre an sich noch interessant wen du mit welcher Stimme wählst.
    Bei der Erststimme wird es ja vermutlich (je nach Wahlkreis) eher eng, dass du mit den Optionen berücksichtigt wirst.
    Andererseits seine Entscheidung einer Taktik anzupassen ist halt auch nicht immer die beste Wahl.

  3. Wenn man ein weißer alleinstehender reicher Mann ist, dem andere Menschen (vor allem schwächere) eher egal sind, ist die FDP auf jeden Fall eine gute Wahl. In allen anderen Fällen eher nicht.

        1. Du hast den Post nicht gelesen, sondern nur geskimmt um zu gucken, was ich wähle, oder? Ansonsten würdest du sicher nicht den Fehler machen, den ich oben kritisierte.

          Statt zu sagen, warum etwas sooo scheiße ist, sag doch lieber, was besser wäre. Welche Partei ist zum Thema Digitalisierung besser aufgestellt und warum? Mit eigenen Worten, nicht Links zu Artikeln.

          1. Hast du dir mal das Parteiprogramm der Linken angeschaut? Speziell im Bezug auf die Digitalisierung — überraschend positiv und Zukunftsgewand. Danke für deinen guten Beitrag.

          2. Jau! Kommen für mich aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Also ist tatsächlich nach der AfD auf Platz zwei meiner „Eher nicht“ Liste.

  4. Zwar hab ich schon per Briefwahl gewählt, aber dein Beitrag hat mich trotzdem zum nachdenken angeregt und mir sehr gut gefallen.
    Gebe es noch ein Portal, auf dem man Internettexte zitiert, würde ich mir das auswählen:

    “Man wählt die Argumente in einem Gespräch, nicht das Ergebnis des Gesprächs.”

  5. Jede Partei bringt in sich eine Vorstellung über die Gesellschaft Organisation, die Werte die als Säule für das Miteinander dienen.
    Diese Vorstellung und Werte entscheiden nicht nur die Ziele, wo die Parteien doch sehr oft Gemeinsamkeiten haben: wir glauben nicht dass die Grünen nicht die Bildung als sehr wichtig betrachten oder dass der FDP egal ist ob die Planet brennt und wir sticken. Deutlicher entscheiden sie die Wege.
    Das Partei Programm sind nur die nächsten Schritte die die Parteien auf diesen Weg gehen wollen.
    Wenn ich wählen dürfte, würde ich mich an diese Struktur von Werte orientieren.

  6. Ich finde deine Gedankengänge sehr gut (v.a. die Diskussionskultur anzuprangern scheint mir wichtig), komme aber zu einem anderen Ergebnis 😉

    Ich finde, dass die Grünen ihre Arbeit auch ohne Regierungsbeteiligung sehr gut machen und der Klimaschutz vorangetrieben wird. Viele andere Positionen gefallen mir überhaupt nicht, deswegen sind die Grünen für mich nicht wählbar.
    Die Gelben sind eine Alternative für mich, jedoch erhoffe ich mir durch meine Stimme Gewicht in eine andere mir noch wichtigere Richtung zu werfen…

    Habe mir erlaubt deine Gedanken zu zitieren. Hoffe das ist ok.