7 Tage habe ich Instagram wie ein Influencer benutzt

Die letzten Wochen ging ich durch eine gedankliche Metamorphose, die darin endete, dass ich influencer-eske Fotos von mir auf Instagram veröffentlichte.

Ich habe seit Jahren ungefähr 2200 Follower auf Instagram. Das klingt nach einer großen Zahl, aber wenn man von 12.000 Followern auf Twitter und über 2500 Abonnenten innerhalb von einem Jahr auf YouTube ausgeht, dann stagnierte mein Instagram merkwürdig intensiv. Intensive Stagnation ist etwas, mit dem ich leben kann, nicht zu verstehen, warum sowas passiert, allerdings nicht.

Andere Instagramnutzer, mit 200-400 Abonnenten, die ich mir anschaute, bekommen im Schnitt 50-80 Likes für ihre Bilder. So ging es mir auch. 50-80 ist die Norm, wenn ein Bild mal gut läuft, erreicht es 120 Likes, allerdings nur in starken Ausnahmefällen. Das darf nicht sein, dachte ich mir, dafür ist mein Ego nicht stark genug. Ich brauchte mehr Likes!

Was macht man also? Stellt sich selbst mehr zur Schau. Bis vor einer Woche waren Selfies bei mir eher die Ausnahme. Was nicht daran liegt, dass ich nicht wunderschön anzuschauen wäre, sondern, dass ich mir selten dämlich dabei vorkomme Wildfremden im Internet grundlos Bilder meines Gesichts zu zeigen. Die letzten sieben Tage gab es kein Bild ohne mein Gesicht. Selten fühlte ich mich menschlich erfüllter.

Was ich vorher außerdem nicht nutzte: Hashtags. Persönlich konsumiere ich keinen Content durch Hashtags und bezweifelte auch immer stark, dass andere es tun würden. (Spoiler: Was für ein Trugschluss.) Regel, für die sieben Tage: Jeder Post braucht die Maximalanzahl an Hashtags. (Kurz nebenbei: Instagram erlaubt maximal 30 Hashtags pro Bild. Wenn man mehr Hashtags hinzufügt und das Bild absendet, löscht Instagram die gesamte Beschreibung und sagt einem in keinem Moment, dass es passiert ist. Gute Arbeit, Team.)

Ebenfalls war mir nicht so aktiv klar, dass die ersten Minuten eines Fotos auf Instagram die wichtigsten sind. Wenn ein Post mit Hashtags in den ersten Minuten viele Likes und Kommentare bekommt, rankt er höher im Feed der Follower und hat die Chance zu den Top Fotos auf der Unterseite der einzelnen Hashtags zu werden. Daher gibt es sogenannte “Instagram Pods”, die geschlossene Gruppen, oft auf Facebook, sind, in die Leute ihre Bilder posten, damit sie geliked und kommentiert werden, während man sich selbst verpflichtet alle anderen Bilder der Gruppe zu liken und kommentieren. Ich fand keinen Pod, aber gründete mit 10 Freunden einen eigenen kleinen, der den Fotos am Anfang zumindest einen kleinen Boost gab.

Was soll ich sagen: Es funktionierte! Keines der Fotos hat weniger als 150 Likes. Eines hat sogar über 200. Zur Erinnerung: Über 100 Likes bekamen vorher nur absolute Ausnahmebilder. Meine sarkastischen “Glaub an dich selbst und Glück wird dich finden!!” Bildbeschreibungen führten dazu, dass Leute sie entweder ernst nahmen und kommentierten, dass sie das voll toll und wahr finden, oder mitmachten und ebenfalls dümmliche Sprüche hinterließen. Engagement!

Was ist das Ergebnis? In diesen sieben Tagen habe ich so viele Follower dazu gewonnen, wie im letzten halben Jahr nicht. Und insgesamt habe ich Follower verloren.

Wie kann das passiert sein? Im Zuge des Experiments habe ich eine App installiert, die mir auflistet, wer mir folgte und mich entfolgte. Insgesamt habe ich durch das Experiment ungefähr 15 Follower verloren. Viele davon Leute, die mir schon seit Jahren folgten. Häh?

Keine Ahnung, warum. Meine Theorien:

  1. Diese Leute haben meine Fotos vorher nie gesehen. Das würde die Follower/Like Ratio erklären. Durch das “Hacken” des Algorithmus tauchen meine Fotos jetzt prominenter in ihren Streams auf, sie fragen sich “häh? wtf” und entfolgen. Möglich!
  2. Diese Leute finden einfach nicht witzig, was ich da mache und… entfolgen mich, weil sie es nicht ausgehalten haben sieben Tage lang mein Gesicht irgendwo in ihren Streams zu sehen.

Was bedeutet das für die Zukunft meines Instagram-Profils? Schwierig. Auf jeden Fall werde ich wohl ab heute die sarkastischen Sprüche unter den Bildern weglassen. Der Witz ist raus und irgendwie fühlt es sich unangenehm gehässig an.

Allerdings bin ich nicht ganz gewillt, diese Art von Fotos sein zu lassen. Das überrascht mich selbst, aber… irgendwie bereitet es mir Freude eine Reihe von Fotos zu haben, die… mich zeigen? Das klingt total dumm, aber ich schaue mir die Bilder an und denke “Joa, das bin ich!”. Dank diverser Videos und Posts zum Thema “Instagram-Posen für Männer”, sehe ich auf den meisten Bildern auch nicht wie ein Kamerascheuer Affe aus und irgendwie… gefällt mir das Ergebnis. Die Like-Zahlen sprechen auch für sich.

Working theory: Wenn ich solche Bilder mit echten Inhalten verbinde, also tagebuchähnlichen Posts, in denen es um mein echtes Leben geht, nicht eine aufgesetzte Influencer-Persona, dann… könnte das mein Instagram verbessern. Vielleicht? Was weiß ich.

Hauptsache ihr folgt mir auf Instagram.

Kommentare

  1. Ich hab mir für Instagram mal ein kleines js-snippet für die console geschrieben, dass alle 15 sekunden ein Bild liked, dann weiter drückt, dann wieder liked, aktualisiert um neue Bilder zu haben und dann wieder von vorne Anfängt. Das dann so 2-3 Stunden auf hashtags wie #sunset oder #love angsetzt.

    Hat auch follower und engagement wie nie gebracht.

    Verstößt natürlich gegen die Instagram AGB und Mittlerweile wird man sofort ausgeloggt wenn man über JS den like-button drücken möchte.

  2. Ich habe es verfolgt und hätte wirklich gerne öfters solche Post. Und wie du schon ansprichst dann mit Tagebucheinträgen…oder so.

    Zu deinem Entfollow-Problem. Es gibt mittlerweile massig Leute, die Programme benutzen (Instagress heißt eins davon glaube ich) und damit Leuten folgen und nach wenigen Tagen wieder entfolgen. Nur damit du diese Leute eben wahrnimmst, dass sie mit deinem Profil interagieren.

  3. Hab das Experiment so nebenbei etwas mitbekommen und wusste teilweise auch nicht ob du das jetzt ernst meinst oder ob es wirklich nur ein Test sein soll … vielleicht sind deswegen auch ein paar Leute abgesprungen. Sie wollten diese “Veränderung” nicht, denn es war teilweise wirklich provozierend mit den Texten.

    Auch wenn ich für mich jetzt nichts ändern werde, gegen Algorithmen zu arbeiten macht einfach keinen Spaß, find ich den Beitrag trotzdem sehr interessant. Gern mehr davon.

  4. Einmal mehr großartig, Marcel. Danke. Davon abgesehen sind die Fotos nüchtern betrachtet große Klasse und es spricht gar nichts dagegen, solche Fotos zu zeigen. Ob mit diesem Influencer-Gewäsch, weiß ich auch nicht. Aber handwerklich und ästhetisch sind die toll. Fun Fact: Bislang „folgte“ ich dir auf Instagram noch gar nicht … um mal deine Grammatik zu nutzen.