☰ Mein aktuelles Problem mit Facebook

Jeder kann Facebook scheiße finden, es verurteilen, dass sie mit vermeintlich privaten Daten Geld verdienen, sich dort abmelden und dann via Google nach Alternativen suchen.

Das ist aber nicht mein Problem mit Facebook, das liegt ganz woanders. Ich betrachte mich als jemanden, der technische Neuerungen zeitnah verfolgt und zu verstehen versucht. Die Änderungen an sich und deren Auswirkungen, beziehungsweise potentielle Möglichkeiten im Bezug auf alles andere.

Twitter ging an den Start und ich verstand es nicht, man konnte Updates schreiben, die waren 140 Zeichen lang. Man konnte Leuten folgen, deren Updates man dann sah, aber irgendwie fehlte etwas. Ich war Chats gewohnt, dort konnte ich aber nicht wirklich kommunizieren, ich konnte lediglich publizieren. Damals machte ich mir nicht die Mühe darüber nachzudenken, Jahre später fiel mir dann auf, dass ich meinen Account anfangs nicht nutzte, weil es keine @replies gab. Seit es die gibt, finde ich Twitter großartig.

Noch ist Twitter überschaubar, man weiß jetzt, wie Replies funktionieren, wobei die meisten noch immer nicht verstanden haben, dass Tweets, die mit einer Reply anfangen, auch nur von den Followern dieser Person gesehen werden können. Problematischer wird jetzt schon die Werbung. Ich bin vollkommen dafür, dass Twitter Geld verdient, das aber an “Wenn…”-Abhängigkeiten zu knüpfen, wird verwirrender, je mehr es davon gibt. Wenn ich einer Marke auf Twitter folge, bekomme ich Werbung von ihr in die Timeline, wenn ich keiner Marke folge, bekomme ich auch Werbung. Wenn ich die iPhone App nutze, bekomme ich das neue Seiten-Design früher. Die Liste dieser Zustände ist auf Twitter noch überschaubar, die Richtung ist aber nicht unbedingt beruhigend. Allein das aktuelle Layout der Webseite ist so verwirrend, dass ich selbst Leuten in meinem überaus digitalem Freundeskreis erklären muss, wo sie die Embed-Funktion finden.

Aber im Vergleich zu Facebook ist Twitter ein Kinderspiel. Ich verstehe Facebook nicht mehr. Und ich spreche gar nicht von deren Absichten, oder der Funktion, ich spreche von den hintergründigen Abläufen. Wann wird ein Post angezeigt, wann sieht wer was, warum kann man mich befreunden und meinem Profil subscriben, warum sind Listen alle fünf Tage an einer anderen Stelle, warum werden einige meiner Posts öffentlich angezeigt, obwohl ich das eigentlich deaktivierte. Facebook besteht nur noch aus Abhängigkeiten. Wenn ich oft mit dieser Person spreche, sind ihre Updates wichtiger. Warum wird mir aber Person X jetzt angezeigt, obwohl ich seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihr sprach? Wenn ich auf diesen Link zu einem Guardian-Artikel klicke, muss ich erst eine Facebook-App zulassen. Das passiert sonst nirgendwo im Internet, was passiert hier gerade? Wenn ich eine dieser Open-Graph-Apps zulasse, wird irgendwas in meiner Timeline gebündelt und Freunde sehen es vielleicht. Oder auch nicht. Aber im Ticker auf der rechten Seite ganz bestimmt. Vielleicht. Kann man sich ja nicht sicher sein.

Wenn ich Seitenbetreiber bin, kann dies und das mit meiner Seite passieren, aber nur falls dies und das vorher passierte und, ach ja, dann kann noch das und dies passieren, darauf hat man aber keinen Einfluss.

Die Liste ist endlos und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die darüber nicht nachdenken, die einfach nicht wissen wollen, warum etwas gerade passiert, die sich angucken, was ihnen da vorgesetzt wird und dann die Beiträge konsumieren, von denen Facebook denkt, dass ihnen die gefallen. Ich finds eklig. Fast schlimmer als Fernsehen. Irgendwie widert mich das an. Meine Antipathie dieser ganzen Entwicklung gegenüber merkte ich, als ich gezwungen wurde darüber nachzudenken, ob wir die Open-Graph-Features für QUOTE.fm einsetzen wollen. Wir ersetzen also einzelne Statusupdates durch eine Bündelung von Aktivitäten. Das gefällt mir nicht, für mich ist das umdeklarierter Spam. Ja, es ist gut, dass “Hat diesen und jenen Song auf Last.fm gehört” jetzt in einer Box zusammengefasst wird und nicht in 200 einzelnen Updates kommt, aber das ist doch nichts anderes als eine qualitative Abstufung des Inhalts. Ja, niemanden interessieren diese Posts, die fünf Personen, die sie interessant finden, dürfen sie aus dieser kleinen Box kramen.

Meine Meinung, wie man vielleicht merkt, ist hier nicht wirklich objektiv. Ich verstehe, warum Facebook diese Features einführt, ich verstehe, dass sie Reichweite erzeugen sollen, ich verstehe, dass Firmen viele Likes und viele Kommentare auf ihre Posts haben wollen, aber ich will einfach nicht akzeptieren, dass das alles wirklich passiert, weil ich es schrecklich finde. Das Ergebnis kann einfach nicht gut werden, alles wird von allen Seiten manipuliert und man braucht ganze Agenturen, die sich den ganzen Tag damit beschäftigen, wie man jetzt dieses oder jenes Feature für das Wohl von irgendeiner Botschaft zurechtrücken kann.

Ich weiß auch gar nicht so recht, was ich hier genau kritisiere. Vermutlich die Tatsache, dass ich nicht einfach den Drang ignorieren kann, der von mir verlangt zu verstehen, warum Dinge passieren.

Aber eigentlich ist das etwas Gutes.