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Was mich an diesem Blogeintrag jetzt schon am meisten ärgert ist, dass ich zwar vom E-Ink-Bildschirm des Kindle schwärmen kann, es aber auf Fotos nicht annähernd so beeindruckend wirkt, wie im wirklichen Leben. Es ist abgefahren. Es ist die Art Technik, die selbst mich noch dazu bringt das Gerät in die Hand zu nehmen und einfach auf das Display zu starren, weil ich nicht begreifen kann, wie etwas so… aussehen kann. Retina-Display hin oder her, das Display des Kindle sieht aus, als hätte man jeden verdammten Buchstaben einzeln auf ein hellgraue Fläche gedruckt. Es ist unfassbar.

Aber eigentlich muss ich zu den technischen Fakten gar nicht mehr viel sagen, Johnny hat das alles fein zusammengefasst und Recht. Ich möchte hier lediglich meine Beweggründe für ein weiteres Gerät im Alltag aufführen und das Ding mit dem iPad vergleichen.

Derzeit habe ich zwei iPads herumliegen, meines der ersten Generation und Dank Simyo seit rund einem Monat ein iPad 2 samt 3G um es zu testen (dazu später mehr), und ich liebe sie. Nach wie vor hat sich meine Meinung zum iPad nicht geändert, es ist hervorragend, in Kombination mit dem Keyboard-Dock super geeignet um macbooklos längere Texte zu tippen und generell einfach eine Freude zu bedienen.

iBooks ist eine hübsche App, sie hat einen lustigen Umblättereffekt, ein grafisch hochwertiges Holzregal und so weiter. Die Auswahl im iBook-Store ist… groß, im Vergleich zur Auswahl in meinem Buchregal, aber sie ist nicht groß genug. Aktuell wollte ich “In The Plex” von Steven Levy lesen, das gab es dort nicht, genau wie vieles andere vorher. Im Vergleich zur Kindle-iPad-App gefällt mir iBooks allerdings besser. Jetzt könnte man sagen, dass ich, wenn ich ein Buch im iBook-Store nicht finde, es doch einfach in der Kindle-App auf dem iPad lesen soll. Aber vielleicht bin ich da etwas merkwürdig, aber ich hätte gerne alle gekauften Bücher an einer Stelle und nicht aufgeteilt in verschiedene Bibliotheken. Wo kauft man Bücher, wenn man sie in Papierform haben will? Bei Amazon, genau, weil sie mehr oder weniger jedes verdammte Buch auf diesem Planeten anbieten.

An dieser Stelle ein flotter Exkurs: Ja, Bücher aus Papier sind schön, ja, man kann sie sich in den Schrank stellen, ja, ich kann verstehen, dass man digitales Lesen scheiße finden kann, nein, ich finde Papierbücher nicht besser, nein, ich habe nicht das verlangen jedes gelesene Buch im Schrank stehen zu haben, nein, ich finde digitales Lesen nicht scheiße. Desweiteren kann ich gut damit leben an einen Anbieter gebunden zu sein, ja, das ist Nazischeiße, ja, das ist fürchterlich und Amazon wird vermutlich von griesgrämigen, stark behaarten Hexen betrieben, aber das ist mir egal, ich bekomme, was ich will.

Das Kindle ist jetzt also ein Gerät mit dem man lesen soll, das darauf ausgelegt ist, mit ihm zu lesen. Das keine Videos abspielen kann, Bilder nur in schwarz/weiß anzeigt und einen Browser hat, der nicht grundlos im Menüpunkt “Experimentell” zu finden ist. Ich wiederhole mich: Das Kindle ist ein Gerät zum Lesen. Und deswegen entschied ich mich auch für die 139€ günstige Wifi-Variante. Ich möchte kein weiteres Gerät, das dauerhaft online ist, bei dem ich in Versuchung gerate, vielleicht doch mal spontan den Store durchzuschauen, ich möchte ein Gerät, das Bücher ersetzt, auf möglichst klassische Art und Weise, lediglich in einem anderen Formfaktor. Das tuts. Mit einigen wirklich netten Additionen.

Man hat die ganze Macht Amazons im Hintergrund. Das wurde mir erst richtig bewusst, als ich mich durch meinen Amazon-Account klickte und ihn mit dem Kindle verglich. Amazon-Wunschlisten? Man findet irgendwo ein Buch, denkt sich, dass man es irgendwann mal lesen wollen würde, packt es auf diese Liste, vergisst es wieder. Das Kindle hat direkten Zugriff auf diese Liste und ich entdeckte meine Wunschliste wieder und damit massig Bücher, die ich tatsächlich noch lesen will, die ich dort jetzt tatsächlich mit einem Klick und innerhalb weniger Sekunden auf meinem Gerät haben kann.

Es ist ein Buch mit mehr. Eingebautes Lexikon, Wörterbuch, Wikipediaanschluss, sollte man etwas nachschlagen wollen, was mir zumindest, wenn ich englische Bücher lese, durchaus mal vorkommt. Eines meiner Lieblingsfeatures war bei iBooks die Möglichkeit, dass ich Textzeilen markieren und kommentieren kann (QUOTE.fm, ick hör dir trapsen), kann das Kindle auch. Außerdem bin ich verdammt froh, dass es keinen Touchscreen hat. Ja, ich muss zugeben, dass ich mich anfangs dabei erwischte, wie ich versuchte mit dem Finger etwas zu klicken und sich ein Gerät mit mehr als einer Taste irgendwie komisch anfühlt, aber das ist gut so. Wenn ich am iPad im Instapaper etwas lese, fange ich an wild herumzuscrollen, während des Lesens, vielleicht ist das einfach mein subjektives Problem, aber ich kann nicht anders und zeitgleich lenkt es mich ab. Genau wie ich mit dem Umblättereffekt in iBooks herumspiele, während ich etwas lese. Netter Kram, aber überflüssig.

Das Kindle ist fürchterlich in seinen Funktionen beschnitten, technisch vielleicht sogar ein Rückschritt, wenn man es als Tablet betrachten möchte, aber man kann es nicht als Tablet betrachten, wenn man nicht als schwachsinnig hingestellt werden möchte. Mein iPad ist ein Computer ohne Tastatur, handlich, mächtig, unglaublich praktisch und schön. Mein Kindle ist mein Buchersatz, meine Möglichkeit meine gesamte Bibliothek in einer Hand zu halten, mit einem Finger umzublättern und bei gleißendem Sonnenlicht trotzdem lesen zu können.

Ich bin, nach nur einem Tag, hochgradig begeistert.

Amazon Kindle Wifi
Amazon Kindle 3G+Wifi

Kommentare

  1. Klingt echt interessant und der Preis ist auch vollkommen okay. (WiFi Version)
    Welches Buch liest du auf dem (2.) Bild?

  2. Mein Reden seit Monaten. Und der Akku, der vier Wochen hält, und dass ich fast alle eBooks einfach draufspielen kann (z.B. Google Books), ist alles einfach prima.

    Ich so: <3 Kindle.

  3. schöner bericht.
    eine frage: hast du mal probiert, anmerkungen an pdfs zu schreiben? ist das handhabbar? das wäre eine funktion, die mich zwecks uni wirklich interessieren würde…

  4. Ich hab im Februar zwischen Kindl und PRS-650 von Sony geschwankt.
    Hab mich für den Sony entschieden weil ich auf Naziknebel von Amazon keinen Bock hatte und gerne auch mal ein ebook (im epub Format) auf der Seite vom Buchladen nebenan kaufe, das ist Religionssache würde ich sagen, daher kommt mit auch niemals Apple ins Haus 😉
    Aber das Display ist der tatsächlich der Hammer und verblüfft mich jeden Tag auf Neue (ist wohl bei beiden Readern das gleiche)…
    Das mit dem “blosnichtimmeronlineseinsonstmachichallesausserlesen” kann ich unterschreiben, der Sony hat nicht mal WLAN und ich vermisse es auch nicht, aber der Touchscreen ist wirklich ein Killerfeature, flüssig hochundrunterscrollen geht damit sowieso nicht, aber man kann per swype die Seite umblättern oder ANmerkungen ins Buch kritzeln bzw. Bildchen scribblen.

    Noch ein Tipp unabhängig vom Reader, Calibre ist ne super Software, etwas unübersichtliche UI aber ein sehr geniales Feature, es gibt Skripte für so ziemlich jede Newsseite und auch RedItLater und Instapaper die täglich die Inhalte ausm Netz fetchen und ein ebook draus machen, inkl. Inhaltsverzeichniss und allem drum und dran, unbedingt mal ausprobieren!

    epub kann der/die/das Kindle ja nicht, aber wahrscheinlich ist es kein Problem (zumindest DRM freie Bücher) wild hin und her zu konvertieren oder?

  5. Was mich an einem e-reader inzwischen wirklich reizt, ist die Suchfunktion. Es nervt mich, wenn ich genau weiß, dass ich in einem Papierbuch eine bestimmte Stelle gelesen habe, die aber nicht mehr finde. Und gegenüber der ersten Generation hat sich bei den e-readern auch wirklich viel getan (grade beim Lesecomfort). Im Moment habe ich noch (unerklärliche) Vorbehalte; aber auf Dauer wird es bei mir vermutlich auch auf einen e-reader hinauslaufen. Eben weil es eine Art “Buch Plus” ist.

    1. Warum ich Komfort mit c geschrieben habe, weiß ich auch nicht. Ich stelle aber fest: Es sieht scheiße aus.

  6. Wird das Display hier auch erst kurz schwarz mit weißer Schrift, wenn man umblättert und sich das Bild neu aufbaut? Habe gerade bei Thalia den Reader von Sony und den hauseigenen in der Hand.

    1. Ja, stört aber kein bisschen. Umblättern nervt genauso so. Und tatsächlich dauert der Vorgang des Bildwechselns so lange, wie ich brauche um mit den Augen vom unteren Ende der Seite ans obere zu kommen.

  7. Danke für den interessanten Erfahrungsbericht.
    Mir stellt sich aber noch eine Frage: wie sieht deine Vorgehensweise aus, wenn du mal einen Begriff in Wikipedia nachschlagen oder übersetzten willst? Geht das Kindle-intern oder zückst du eins deiner iOS Geräte?

  8. Wie viel Spaß macht denn Instapaper auf dem Kindle? Ich könnte mir vorstellen, dass es bei Blogposts mit vielen Links und/oder Bildern nicht ganz so gut ist, aber bei längeren Essays toll ist. Stimmt das so oder liege ich falsch?

  9. @Tim wenn das wie beim Sony ist sind Wörterbücher offline vorhanden, denke mal für Wikipedia muss man dann ins Netz.
    @uarrr wie ist denn eigentlich Text2Speech? Habe gehört das soll so gut sein, dass sogar die Hörbuchverleger Stress machen.

    1. Wörterbücher: Jap, stimmt. Und Wikipedia online. Und Text2Speech ist mit der männlichen Stimme tatsächlich unfassbar gut, ich war beeindruckt.

    1. Man braucht keinen Converter. Du schickst Deine pdfs (oder andere unterstützte Dateiformate) an Deine Kindle-Mail-Adresse, die Du mitbekommst und das Kindle zieht sich ein paar Minuten später die konvertieren Dateien, sofern Du am Netz bist. Insofern ist das Gerät absolut perfekt für Leute, die gerne klassische Literatur lesen – den selbige kann man von Projekt Guttenberg und Co. kostenlos ziehen, nur konnte man sie bisher nirgendwo anständig lesen (d.h. ohne Display, das einen permanent anleuchtet).

  10. @Dahaniel: http://www.gutenberg.org/ebooks/search.html/?default_prefix=author_id&sort_order=downloads&query=1735 vs. http://gutenberg.spiegel.de/suche?q=kafka – Zweiteres ist deutlich umfangreicher bei deutscher Literatur, davon ab gibt noch diverse andere Seiten dieser Art. Ist aber auch egal, jedenfalls ist das Kindle für das Lesen der Tonnen kostenloser klassischer Literatur aus diversen Netzquellen perfekt, wenn man den (manchmal vorhandenen) geringen Aufwand der Konvertierung nicht scheut. Ich nutze das Ding inzwischen deutlich mehr als mein iPad.

  11. Netter Erfahrungsbericht.
    Sicherlich schon ein sehr nettes Gadget, wenn man kein Wert auf die schöne und oftmals traditionelle Gestalltung von Büchern. Und da rede ich nicht von Twilight oder Harry Potter, sondern tatsächlich Bücher mit einer hohen typografischen Qualität. Wenn man rein den Inhalt will, ist es scheinbar eine gute Lösung.

    Gibt es Alternative fonts?

  12. Hm… also mit einem Kindle kann ich jetzt nicht direkt vergleichen, aber das Lesen auf dem iPad 2 macht mir Spaß. Ich lese die Bücher in der Kindle App (das Tolle ist, viele “alte” klassische Werke sind kostenlos). Das Umblättern ist im Vergleich zu gedruckten Büchern in dem Sinne sogar besser, weil es weniger den “Lese-Flow” unterbricht. Und – wie eben schon erwähnt – die Funktion zum Nachschlagen von unbekannten Begriffen im Duden ist mega geil (sogar besser als die von iBooks, da eine Aktion weniger).

    Zum Lesen von eigenen PDFs (meistens technische Dokumentation) verwende ich GoodReader mit Anbindung an Dropbox. Damit kann man den Text auf viele Weisen markieren, direkt auf einem Blatt zeichnen, Notizen hinzufügen usw.

    Bei mir war es bis vor Kurzem auch so, dass ich gleichartigen Content (in diesem Fall Bücher) in einer App bzw. unter einem Account haben wollte. Mittlerweile habe ich das aufgegeben. Kindle App kann meine PDFs nicht öffnen und ich finde auch nicht alle Bücher, die ich lesen will. In iBooks finde ich auch nicht alle Bücher. Und die PDFs in iBooks zu lesen ist auch schrecklich.

    Deswegen betrachte ich das jetzt so: es ist nicht eine App (oder ein Account), in der ich meinen kompletten Lesestoff haben muss, sondern mein iPad, wo alles zusammen kommt. So ist das.

  13. Selbst meine Mutter hat sich so ein Kindle jetzt zugelegt. Hat mich überrascht, mein Telefon fasst sie nämlich nicht an, weil sie Angst hat, Dinge ausversehen zu drücken. Die wenigen Basisfunktionen sind genau für Menschen wie meine Mama gemacht, die wirklich nur lesen wollen und sich gar nicht lange mit der Technik auseinander setzen möchten. Ausserdem muss sie jetzt nicht mehr Bücher verschenken, die in ihr kleines Wohnzimmer nicht mehr reingepasst haben. 🙂

  14. Lustig. :]

    Der Vergleich oben zwischen deinem Bücherregal und dem iBook-Store ist irgendwie nett. Erinnert mich an den Vergleich eines Bücherregals und eine Bibliothek.

    Du schreibst, man könne mit dem Kindle eigentlich jedes verdammte Buch laden. Ist das wirklich so? Ich hab gehört, dass der Kindle-Store für deutsche Bücher recht beschränkt sein soll und man immer noch auf normale Bücher zurückgreifen muss, wenn es ein besonderes Exemplar ist. Hoffentlich wurde die Frage nicht schon in den anderen Kommentare gestellt…

    Denke auch über einen Wechsel nach, weil ich eig. min. immer zwei Bücher in meiner Tasche habe, wenn ich öffentliche Verkehrsmittel benutze usw., aber ich befürchte ich trage dann ein Buch und meinen Kindle mit mir rum, weil es nicht jedes Buch gibt. Außerdem bin ich mir noch nicht sicher, ob mich die langen Umblätterladezeiten nicht doch stören würden und ja, ich habe mir bereits Videos angeschaut in welchen ich gesehen habe, wie schnell oder langsam das geht. 🙂

    LG,
    Ray

  15. Finde den Kindle zwar auch nett, doch die Vorteile gegenüber eines Buches sind doch sehr gering.

    + Gewicht (aber nur gegenüber gebundenen Bänden)
    + Büchersammlung immer dabei (brauche ich nicht, lese selten mehrere Bücher parallel)

    – Ausleihen
    – kein gebraucht Büchermarkt
    – schlechteres Schriftbild
    – viele Verlage veröffentlichen nicht für den kindl (Diogenes)
    – markieren und notieren ist furchtbar umständlich
    – DRM / proprietär
    – keine Farbe
    – 140€ Anschaffungspreis

    = keinen kindl für mich